Home Nach oben Weiter

Die Vereinigungsprinzipien

EINLEITUNG

"Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" (Gen 1,1). Vom ersten Satz an setzt die Bibel voraus, daß es einen Gott gibt. Dieser Satz ist einer der bekanntesten, selbst für Menschen, die die Bibel nie gelesen haben. Sie ist aber nicht das einzige Buch, das über Gott spricht. Obwohl für Gott verschiedene Namen verwendet werden, berichten jedoch Bücher wie der Koran, die Upanischaden, das Tao Te King und die Schriften des Konfuzius ebenfalls über die verschiedenen Wesenszüge Gottes. Andererseits behaupten Feuerbach in seinem Buch "Das Wesen des Christentums" und Marx im "Kommunistischen Manifest", daß die Vorstellung von einem Gott nur ein Trugbild sei, das wir uns in unserem Suchen nach Antworten und nach Sicherheit selbst geschaffen hätten.

Eine Frage beschäftigt bis heute die Gemüter der Menschen: "Gibt es einen Gott?" Besonders in der gegenwärtigen, vernunftorientierten Zeit können sich oft selbst religiöse Menschen nicht der quälenden Auseinandersetzung mit dieser Frage entziehen.

Die Geschichte hindurch haben Denker und Gläubige Beweise für die Existenz Gottes vorgelegt. Aristoteles kam durch Logik zu dem Schluß, daß ein "unbewegter Beweger" existiert. Thomas von Aquin stellte fünf komplexe Gottesbeweise auf, die den Menschen im Mittelalter zufriedenstellten. Andere, wie der Heilige Franz von Assisi oder Ralph Waldo Emerson, verwendeten eine weniger gelehrte Methode und wiesen auf die Zweckhaftigkeit der Schöpfung als Beweis für die Existenz Gottes hin. Viele Leute glauben allein aufgrund des Zeugnisses der Bibel an einen Schöpfer. Doch in unserer Zeit, in der analytisches und pragmatisches Denken vorherrschen, genügen solche Erklärungen dem nach Wahrheit suchenden Menschen meist nicht mehr. Die Tendenz der letzten beiden Jahrhunderte, die Wissenschaft zu verherr lichen, bewirkte, daß uns heute weitgehend der Zugang zur Tiefe religiösen Denkens früherer Epochen fehlt. Darum wird Religion heute vielfach nicht mehr ernst genommen und selbst die Idee von einem Gott fallengelassen. Das ist ein möglicher Grund, warum viele von uns - selbst Gläubige - ihr Leben eigentlich auf einer bloß materialistischen Basis aufbauen. Aber es mag auch unsere falsche Vorstellung von Gott und der Art seines Wirkens sein, die uns davon abgehalten hat, uns näher mit ihm zu beschäftigen.

Wir wollen hier eine neue Sicht der Existenz und des Wirkens Gottes vorstellen. Die Vereinigungsprinzipien beziehen Erkenntnisse aus Naturwissenschaften, Soziologie und Psychologie ebenso ein wie Geschichte, biblische Schriften, nichtchristliche religiöse Werke und persönliche, innere Erfahrungen.

Wir sind davon überzeugt, daß keine dieser Quellen alleine Gott ausreichend darstellen kann. Das mag hauptsächlich an unserem begrenzten Auffassungsvermögen liegen und an der Unterschiedlichkeit unserer Hintergründe. Jeder Mensch erklärt gewisse Dinge entsprechend seiner eigenen Persönlichkeit. Daher erfassen wir nur einen Teil der vorhandenen Wahrheit. So war es auch in der Geschichte mit dem Wissen über Gott. Jede Person oder Religion erkennt Gott auf ihre besondere Art und verwendet ihre eigene Ausdrucksweise. Dennoch neigt jede Person oder Religion dazu, ihre Erfahrung so zu betrachten, als ob sie die alles umfassende Wahrheit sei. Darum gibt es eine solche Vielzahl von Schriften, Interpretationen und verschiedenen Religionsgemeinschaften, von denen jede behauptet, sie besitze den umfassenden Ausdruck der Wahrheit. Es ist daher kein Wunder, daß viele Menschen mit "Religion" nichts anfangen können und keine klare Vorstellung von Gott haben.

Wir glauben, daß sich Gott jedem ehrlich Suchenden zeigt. Daher kann die Harmonisierung und Vereinigung der verschiedenen, dabei erkannten Aspekte zu einem umfassenden und klaren Verständnis Gottes führen.

Wir gehen von der Annahme aus, daß es einen Gott als Schöpfer gibt, und daß seine wesentlichste Eigenschaft - wie das viele religiöse Werke vorausetzen -seine Güte ist. Von dieser Hypothese leiten wir ein System von Prinzipien und Vorstel lungen ab, die sich auf die Existenz des Universums und auf die menschliche Geschichte beziehen. Wenn die sich daraus ergebende Erklärung widerspruchsfrei ist und sich im Leben bewährt, so ist der Wahrheitsgehalt der Hypothese erwiesen, nämlich, daß es Gott gibt und daß er gut ist.

Die Frage nach Gott betrifft jedoch nicht nur seine Existenz und grundsätzliche Güte, sondern auch sein Wesen überhaupt: Wie ist Gott? Bis heute sind religiöse Lehren hier unklar geblieben und haben lediglich auf ein "unbegreifliches Mysteri um" verwiesen.

Es stimmt sicher, daß wir mit unserem begrenzten Auffassungsvermögen nie das unbegrenzte, ewige Wesen Gottes zur Gänze verstehen können. Das sollte jedoch nicht bedeuten, daß wir unser Gottesverständnis nicht erweitern können. Galten nicht Gesetze der Physik und der Chemie einmal als unerklärbares Mysterium und sind doch dem normal gebildeten Menschen von heute durchaus bekannt? Ist es wirklich unmöglich, daß wir jene Dinge über Gott, die heute noch als Mysterium betrachtet werden, einmal klar verstehen werden?

Zweifellos hat sich der menschliche Intellekt entwickelt. Es scheint nur natürlich, daß sich auch unser Gefühls- und Willenspotential erweitert hat, sodaß wir Gottes Wesen und Wirken heute tiefer verstehen können.

Mit der Entwicklung der menschlichen Sehnsucht nach Erkenntnis der Wahrheit entstanden Wissenschaft und Religion. Wissenschaft sollte dazu dienen, die Gesetze der "äußeren", materiellen Existenz zu erforschen und anzuwenden. Philosophie und Religion entstanden mit dem Zweck, Antworten zu finden auf die Fragen nach den "inneren" Aspekten des Lebens, wie etwa dem Ursprung und dem Sinn des Lebens, dem Maßstab von "gut" und "böse" und dem Leben nach dem Tod. Der gläubige Mensch steht heute vor dem Problem, wie er diese beiden Aspekte auf einen Nenner bringen kann.

Heute neigen viele Menschen dazu, ihr religiöses Bewußtsein und den Glauben an Gott zu vernachlässigen, und sich statt dessen mehr auf die Wissenschaft zu verlassen, da sie die Realität der materiellen Welt und ihre Gesetze viel unmittelbarer wahrnehmen. Es scheint noch schwer vorstellbar, daß Religion und Wissenschaft die menschliche Existenz nur von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten und erklären - wobei jeder Teil in seinem Bereich Gültigkeit hat.

Es gilt also zu untersuchen, ob es einen geistigen Bereich und geistige Gesetze gibt, die den geistigen Aspekt unseres Lebens beeinflussen, ebenso wie es einen physischen Bereich mit physischen Gesetzen gibt, die auf den materiellen Aspekt unseres Lebens einwirken. Gibt es tatsächlich einen geistigen Bereich, so brauchen wir Klarheit darüber, welcher der beiden Bereiche - der physische oder der geistige - für Glück oder Unzufriedenheit in unserem Leben entscheidend ist. Letztlich werden wir nach einer harmonischen Verbindung unserer physischen Existenz mit unserer geistigen Existenz suchen.

Unsere Zeit

Offensichtlich leben wir heute in einer Zeit großer Erwartungen. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Nachrichten- und Transportverbindungen machen alle Nationen zu Nachbarn, die voneinander abhängen. Die Technik hat ein Zeitalter der Hoffnungen eingeleitet und die Voraussetzungen für weltweiten Wohlstand geschaffen. Und dennoch herrscht überall Angst. Denn es ist unübersehbar, daß Konflikte, Krieg, Haß, Zügellosigkeit und Zerfall der Familien zusammen mit politischer und wirtschaftlicher Instabilität, Umweltzerstörung und Hunger die Welt bedrohen. Andererseits leben wir aufgrund einer anscheinend unaufhaltsamen Entwicklung in Richtung einer Überwindung der Grenzen zwischen Kulturen, Rassen, Religionen und Wirtschaftsräumen auf weltweiter Ebene in einer einzig artigen Epoche der Menschheitsgeschichte.

Es ist eine Epoche, in der wir andere Menschen nicht mehr mit unserem begrenzten Verständnis von Gesetz und Moral beurteilen dürfen. Gesetze und Sitten, die für andere Kulturen und Ideologien nur beschränkte Gültigkeit haben, reichen im weltweiten Zusammenhang nicht als Maßstab aus. Darum müssen wir Prinzipien finden, die für die gesamte Menschheitsfamilie universelle Gültigkeit haben. Wo Kulturen sich vermischen, kann eine Einheit durch Übereinstimmung in grundlegen den Prinzipien, verbunden mit Toleranz gegenüber den jeweils anderen kulturellen Ausdrucksarten dieser Prinzipien, erreicht werden.

Einheit kann nur aufgrund einer höheren Ordnung von Beziehungen erreicht werden - auf der Ebene von Prinzipien. Grundlegende und allgemeingültige Prinzipien werden jedem Menschen entsprechen und können daher zum Ausgangs punkt einer Vereinigung aller werden. Die Welt strebt irgendeiner Art von Einheit zu. Um diese mit dem geringstmöglichen Konflikt zu erreichen, brauchen wir ein tieferes Verständnis der Wahrheit. Dieses Verständnis sollte uns zu jenen uni versellen Prinzipien führen, die die Grundlage für alle Gesetze, Religionen und Ideologien der Menschheit bilden können.

Dieser neue Ausdruck der Wahrheit ist notwendig, um allen Religionen zur Erfüllung ihres Zweckes zu verhelfen, nämlich die Menschen zu einem Leben mit Gott und zur Erfahrung Seiner Güte zu führen. Außerdem muß dieser neue Ausdruck der Wahrheit fähig sein, die religiöse und die wissenschaftliche Sicht des Lebens auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, uns das Wesen Gottes klarer zu zeigen, und letztlich die ganze Menscheit als Brüder und Schwestern in einer weltweiten Familie unter Gott zu vereinigen. Wir glauben, daß die Ideen, die wir in diesem Werk anbieten, einen Teil dieses neuen Ausdrucks der Wahrheit darstellen.

(Zum nächsten Kapitel: Das Prinzip der Schöpfung )