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Die Vereinigungsprinzipien

Kapitel 4:
DAS LEBEN JESU

Ueber die Interpretation der Bibel
Unsere christlichen Ideale und die Realitaet der Welt
Geburt und Jugend Jesu
Johannes der Taeufer
Die Lehre Jesu
Die Juenger
Jesus und die Nation Israel
Tod und Auferstehung Jesu
Gottes Wille und die Freiheit des Menschen
Das Paradoxon des Kreuzes
Schlussbetrachtung

Das Leben Jesu und die tiefgreifende Wirkung seiner kurzen Gegenwart auf Erden ist irgendwie raetselhaft. Obwohl es scheint, dass er fuer seine kleine Nation mehr eine Quelle der Verwirrung als der Inspiration war, zeigt uns die Geschichte, dass dieser Mann mehr Grenzen durchbrochen und mehr menschliche Angelegenheiten beeinflusst hat als je ein anderer zuvor.

Einige Menschen sehen in Jesus einen aeusserst guten Menschen, einen grossen Rabbi. Andere hingegen betrachten Jesus als Gott selbst. Aber wie wir seine Erscheinung auch deuten moegen, fest steht, dass Jesus das menschliche Leben mehr beeinflusst hat als irgendein Mann sonst in der Geschichte. Deshalb muessen wir uns mit ihm ernsthaft auseinandersetzen. Wir wollen versuchen, sinnvoll all die Fragen zu beantworten, die sich ueber ihn herausgebildet haben, wie z.B.:

Wenn Jesus Gottes Liebe ausdrueckte, warum liebten und schaetzten ihn die Menschen dann nicht?
Warum war es fuer die Menschen leichter, Jesus nach seinem Tod zu lieben als zu der Zeit, da er auf Erden lebte?
Wenn die Kreuzigung Gottes Wille war, warum muehte Er sich dann 2000 Jahre, eine auserwaehlte Nation auf das Kommen des Messias vorzubereiten?

Die Christen behaupten, dass sie die Nachfolger Jesu sind. Was aber soll das bedeuten, angesichts der Kompromisse, die gewoehnlich mit dieser Ueberzeugung einhergehen? Jesus ist gewissermassen das Bild, durch das wir erkennen, wie wir sein sollten. Wenn wir ihn also sehen, koennen wir klar unsere Fehler erkennen. So gesehen, ist Jesus ein vollkommener Spiegel und der Massstab fuer unser Gericht. Was das praktische Leben betrifft, neigen wir dazu, ihn nicht ganz ernst zu nehmen. Thomas Carlyle sagte einmal: "Wenn Jesus Christus heute kommen wuerde, wuerden ihn die Menschen nicht kreuzigen. Sie wuerden ihn zum Essen einladen, sich anhoeren, was er zu sagen hat und sich darueber lustig machen." Winifred Kirkland sagte: "Heute ist das wirksamste Mittel, um Jesus nicht ernst nehmen zu muessen, seine Vertrautheit. Weil wir denken, wir kennen ihn, uebergehen wir ihn."

In der heutigen Welt scheint der Zweck des Christentums fraglich geworden zu sein, und die Kraft des Christentums laesst nach. Die verschiedenen Arten der Darstellung Jesu dienten nur dazu, uns voneinander zu trennen. Wegen der Ziellosigkeit und Uneinigkeit im Christentum vermochte der Marxismus die Vorstellungen vieler idealistischer Menschen zu fesseln. "Wenn Jesus wirklich die Loesung unserer schwierigen Weltsitua tion ist," fragen sie, "wo sind dann die Fruechte seiner Arbeit?" Die Christen koennen darauf keine befriedigende Antwort geben. Viele sagen, dass Jesus alles fuer uns getan hat, und dass das Leben eines Glaeubigen nicht in Menschenhand liegt. Wir wollen jedoch nicht andere zentrale Aussagen uebersehen, die uns Gott durch Jesus uebermittelte. Wir muessen uns noch einmal seine Lebensgeschichte durchsehen, um zu entdecken, wer er war, wozu er kam und warum sein Leben so tragisch und glorreich zugleich endete.

Ueber die Interpretation der Bibel

In unserem Studium erkennen wir zwei Gesichtspunkte, von denen aus das Evangelium interpretiert werden kann. Wir glauben, dass beide wahr sind und harmonisch einander ergaenzen. Der eine ist, dass die biblischen Berichte vom goettlichen Geist inspiriert wurden, und dass Gott ihre Verfasser auserwaehlte, sodass seine Stimme und sein Herz fuer ewig in den Schriften festgehalten sind. Der andere ist, dass die Autoren verschiedene Ansichten ueber Jesus wiedergaben, entsprechend ihrer Absicht, die sie mit ihrem Schreiben verfolgten, entsprechend der Information, die sie hatten, dem Kreis, fuer den sie schrieben, und entsprechend ihrem eigenen Glauben und ihrer eigenen Vorstellung von Jesus. Das Resultat jeder Zusammenarbeit zwischen Gott und uns schliesst, gemaess dem Prinzip der Schoepfung, sowohl Gottes als auch unsere Taetigkeit mit ein. Die Verfasser des Neuen Testaments waren freie und unvollkommene Menschen. Sie schrieben fuer eine verfolgte Sekte, die eine starke Glaubensgrundlage notwendig brauchte. Zu der Zeit, als sie ihre Berichte schrieben, das war 50 - 100 n. Chr., hatte der anfaengliche Pfingstenthusiasmus bereits nachgelassen, und man war mehr mit den praktischen Problemen der Errichtung einer lebensfaehigen Religion beschaeftigt. Mit Nachdruck zu bestaerken, dass das Leben Jesu die vollstaendige Erfuellung von Gottes Willen war, war die Absicht der Evangelisten aufgrund der Eingebung des Heiligen Geistes. In den letzten 200 Jahren hat man jedoch das Leben Jesu auch aus den Perspektiven der Soziologie, der Psychologie und vor allem der kritischen Historie betrachtet, und so entstanden neue und verschiedene Interpretationen seines Lebens.

Deshalb kennen wir einerseits Aussagen ueber Jesus, die an Christen des ersten Jahrhunderts und an Gegner des Christentums gerichtet waren. Andererseits kennen wir Aussagen ueber Jesus, die aus dem modernwissenschaftlichen Bereich stammen. Weder die einen noch die anderen sind fuer sich allein fuer eine vollstaendige Erklaerung des Lebens Jesu ausreichend, und folglich stellen sie ein Hindernis fuer wahre christliche Bruederlich keit dar. Es besteht auch grosse Unstimmigkeit zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen und auch ihnen selbst. Wir hoffen, dass die nachfolgend dargelegte Sicht von Jesus dazu beitraegt, die verschiedenen Interpretationen miteinander auszusoehnen. Unsere Analyse fusst direkt auf den Prinzipien der Schoepfung, der Geschichte vom Suendenfall und auf den Prinzipien der Wiederherstellung.

Unsere christlichen Ideale und die Realitaet der Welt

Jesus hatte eine universelle Botschaft und Mission. Er kam zum Heil fuer die gesamte Menschheit (Joh 3,16), sowohl fuer den geistigen als auch den physischen Bereich des Lebens. Wenn wir seine Botschaft nur auf eine Rasse, eine Nation, eine Religion, nur auf das Geistige oder nur auf das Physische einengen, schmaelern wir deren Bedeutung. Die fruehen Christen bekaempften den Einfluss des gnostischen Dualismus, der Jesus soweit vergeistigte, dass man jegliche Bedeutung seines Lebens fuer diese physische Existenz leugnete. Im Gegensatz zur gnostischen Sicht hielten die Christen daran fest, dass Jesus kam, um dieses Leben als etwas Gutes zu heiligen, sowohl physisch als auch geistig. Im Christentum sollte das Ideal in der Welt verwirklicht werden, so wie das in den Worten und Taten Jesu geschah.

Wenn wir unser Leben nach dem Vorbild Jesu gestalten koennten, was er so sehr von uns wuenschte (Mt 5,48), wuerde die grosse Kluft zwischen unseren Idealen und unseren Handlungen ueberbrueckt werden. Aber wir haben die Trennung der Ideale von der Realitaet, der Worte von unserem Verhalten als Tatsache hingenommen, und die Vergebung unserer Suenden haben wir als unser hoechstmoegliches Ziel festgelegt.

Viele behaupten, dass der Himmel erst nach dem Tod existiere, in der geistigen Welt. Jesus sagte aber, dass alles, was auf Erden gebunden ist, auch im Himmel gebunden sein wird (Mt 16,19), und wollte damit auf die enge Beziehung zwischen dem Zustand auf Erden und dem Leben nach dem Tode hinweisen. Deshalb betete Jesus auch: "Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden" (Mt 6,10). Jesus sehnte sich in seinem Leben nach dem Ideal, und er arbeitete unablaessig bis zu seinem Tod und sogar noch darueberhinaus, um es zu verwirklichen.

In den 2000 Jahren seit seinem Kommen wurde jedoch das Reich Gottes auf Erden nicht verwirklicht. Wir werden mit der urspruenglichen Suende geboren. Wir sollen instaendig beten und, wie Christus, fuer das Heil einer Welt leiden, die noch immer von Gott getrennt ist. Seit der Auferstehung Jesu haben wir auf seine Rueckkehr gewartet, damit er uns von unserem gefallenen Zustand voellig befreie. Hatte Gott oder Jesus eine solche Situation geplant? Was verhinderte die Durchfuehrung der Worte Jesu? Die Antwort muss im Bericht ueber Jesu oeffentliches Wirken zu finden sein.

Geburt und Jugend Jesu

Vor 2000 Jahren wurde Jesus geboren. Es war keine ruhmvolle Geburt, sondern eher bescheiden und ziemlich seltsam. Nach biblischem Bericht wurde das neugeborene Kind in eine Krippe gelegt. Eine Krippe ist ein Futtertrog fuer Tiere. Es scheint selbstver staendlich, dass sogar ein ueberfuelltes Gasthaus Platz fuer eine gebaerende Mutter gefunden haette; oder dass in der Stadt der Familie des Mannes irgendwelche Verwandten etwas Platz machen haetten koennen. Der Verfasser des Evangeliums gibt keine Erklaerung fuer diese ungluecklichen Umstaende, und so koennen wir uns nur ueber die Gruende fuer die unuebliche Behandlung des Paares wundern.

Nach juedischem Brauch sorgt die Verwandtschaft fuer eine schwangere Frau. So war auch Maria neun Monate vor der Geburt bei ihrer Cousine Elisabeth, der Frau des Zacharias, und blieb drei Monate bei ihr - bis zur Geburt ihres Kindes Johannes (der spaeter Johannes der Taeufer werden sollte).

Drei "Weise aus dem Osten", moeglicherweise zoroastrische Priester oder Astrologen, wurden von Gott zum Kind Jesus gefuehrt. Hatte sie Gott nur dafuer bestellt, dass sie Geschenke brachten, um dann wieder zu gehen? Wir vermuten, dass sie zur Erziehung und zum Wohlergehen Jesu beitragen haetten sollen, aber sie konnten sich wohl nicht vorstellen, dass dies der Zweck ihres Kommens sei.

Jesus war mit Zacharias, einem Tempelpriester verwandt; dieser haette ihm die beste Ausbildung geben koennen, doch Jesus arbeitete als Zimmermann bei seinem Vater. Im Alter von 12 Jahren verliess er seine Eltern ohne deren Wissen, um im Tempel zu Jerusalem zu lehren. Die Bibel berichtet, dass Josef und Maria dies nicht verstanden und ihn in die Abgeschiedenheit nach Nazareth zurueckholten (Lk 2,42-51).

Um die Nation Israel auf seine Seite zu bringen, waere fuer Jesus eine gewisse Position in der Gesellschaft von grossem Vorteil gewesen. Wenn er von seiner eigenen Verwandtschaft besser eingeschaetzt worden waere, haette er eine weit groessere Chance gehabt, in seinem Land zu Ehren zu kommen. Jesus fand aber gerade von denen schlechte Aufnahme, die unmittelbar um ihn waren, und er bemerkte dazu auch einmal: "Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie" (Mk 6,4).

Albert Schweitzer sagte, Jesus sei von seiner Familie als "geistig unausgeglichen" betrachtet worden. An einer Stelle wird berichtet, dass seine Familie "ausging, um sich seiner zu bemaechtigen", nachdem Klagen in der Gemeinde laut geworden waren, worauf Jesus antwortete: "Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brueder? .... Das hier sind meine Mutter und meine Brueder. Wer den Willen Gottes erfuellt, der ist fuer mich Bruder und Schwester und Mutter" (Mk 3,33-35). "Jesus ging in ein Haus, und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Juenger nicht einmal mehr essen konnten. Als seine Angehoerigen davon hoerten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurueckzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen" (Mk 3,20-22).

Das Johannesevangelium berichtet, dass Jesu Brueder nicht an ihn glaubten (Joh 7,5). In der Geschichte vom Hochzeitsfest zu Kana (Joh 2:1-11) sagt Jesus zu Maria: "Weib, was hab ich mit dir zu schaffen?" Obwohl dieser Satz immer wieder Gegenstand verschiedener Interpretationen war, beschreibt er doch nicht die beste Art von Beziehungen zwischen einer Mutter und ihrem Sohn. Wir erkennen also, dass Jesu Familie Gottes Liebe und Auftrag fuer Jesus nicht verstehen konnte. Um wieviel mehr waren sie verstimmt ueber Jesu eigene Absichten und Mission! Man kann sich auch die Schwierigkeiten Josefs vorstellen, die er mit einem Sohn hatte, dessen Vaterschaft ein Mysterium war und jederzeit Anlass zu einem Skandal geben konnte. Ein uneheliches Kind war in der damaligen Gesellschaft eine Schande. Nur durch die Vermittlung eines Engels Gottes konnte Josef davon abgehalten werden Maria zu verlassen (Mt 1,20).

Es duerfte auch ein Konflikt in der Familie bestanden haben, denn Jesu Treue galt vorrangig Gott und nicht seinen Eltern. Er war schliesslich Gottes Repraesentant ihnen gegenueber. In der juedischen Gesellschaft war es ueblich, dass Eltern eine starke Autoritaet ueber ihre Kinder hatten, ja, dass sie sogar deren Heirat bestimmten. Diese Verhaeltnisse umzukehren, muss recht schwierig und kompliziert gewesen sein.

Die Einheit zwischen Jesus und seiner Familie, einschliesslich Zacharias und seinem Kreis in der Priesterschaft, haette einen Schutz fuer Jesus gegen die Angriffe von Seiten der satanischen Welt bedeutet. Ihre Gemeinschaft haette als Modell fuer Israel gedient, aber auch eine soziale, religioese und wirtschaftliche Basis fuer Jesu Wirken dargestellt. Waere also diese Einheit zustandegekommen, waere auch die Neigung in den Menschen, die Repraesentanten Gottes zu verwerfen und abzulehnen, durch ihr Zeugnis fuer das Messiasamt Jesu umgekehrt worden.

Der Befehl des Herodes, alle neugeborenen maennlichen Kinder Bethlehems zu toeten, war die offensichtliche Absicht Satans, den Messias zu vernichten. Jedoch das weitaus geschicktere Wirken Satans kann man im Versagen derjenigen sehen, die Jesus in seiner Jugend unmittelbar umgaben. Er haette schon in seiner Jugend als Erloeser geschaetzt und behandelt werden sollen. Wir kommen hingegen zum Schluss, dass ihm seine Familie und Verwandtschaft mit viel zu wenig Aufmerksamkeit und Empfindsamkeit entgegenkam.

Johannes der Taeufer

Johannes der Taeufer war von zentraler Bedeutung in Jesu Familie. Nur sechs Monate vor Jesus wurde er von Elisabeth, der Cousine Marias, geboren. Er war ein beruehmter Prediger und Asket. Dieser Sohn eines Priesters hatte eine grosse Gefolgschaft und verbreitete eine entscheidende Botschaft: "Tut Busse, denn das Himmelreich ist nahe" (Mt 3,2). Er warf dem Volk Scheinheiligkeit vor und forderte die Menschen auf, ihre Suenden zu bereuen und ihre Wege zu aendern, damit Gott ihnen am bevorstehenden Tag des Gerichts Gnade gewaehren koenne. Johannes taufte mit Wasser, prophezeite aber, dass nach ihm noch einer kommen wuerde: "Der aber, der nach mir kommt, ist staerker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen" (Mt. 3,11).

Er wies ganz Israel an, den Weg fuer den Herrn zu ebnen. Nach juedischem Glauben sollte der Messias einen solchen offensichtlichen und ausdruecklichen Vorlaeufer haben. "Elia" sollte die Ankunft des Messias verkuenden: "Bevor aber der Tag des Herrn kommt, der grosse und furchtbare Tag, seht, da sende ich zu euch den Propheten Elija. Er wird das Herz der Vaeter wieder den Soehnen zuwenden und das Herz der Soehne ihren Vaetern, damit ich nicht kommen und das Land dem Untergang weihen muss" (Mal. 4,5-6 bzw. nach anderer Zaehlung 3,23-24).

Diese letzten Zeilen in den prophetischen Buechern der Hebraeer waren die letzte prophetische Ermahnung Israels, das Gesetz einzuhalten. Es ging um ihre Befreiung, deshalb sollten sie nach dem Vorlaeufer, dem Elia, Ausschau zu halten. Im Dialog Justins des Maertyrers mit dem Juden Trypho (150 n.Chr.) sagte Trypho:

"Auch wenn der Messias schon geboren waere und irgendwo lebte, er aber unbekannt waere - er wuerde sich selbst nicht erkennen; auch haette er keine Macht bis Elia kommt, ihn salbt und ihn allen offenbart"

Bis heute ist beim traditionellen juedischen Passahfest ein freier Platz fuer den erwarteten Elia vorgesehen. Die Vorstellungen vom "Wie?" seines Kommens variierten von Rabbi zu Rabbi, aber eines war absolut sicher: er muss vor dem Messias kommen. Daraus erkennen wir die Wichtigkeit der Mission des Elia fuer die Erfuellung der Mission des Messias.

Niemand anderer als Johannes der Taeufer kam in der Position des Elia. Nicht der tatsaechliche Elia, der neun Jahrhunderte vorher lebte, sollte wiederkommen, sondern sein prophetisches Amt sollte nun von einem von Gott berufenen neuen Mann erfuellt werden. In Gottes Vorsehung ist es notwendig, dass eine bestimmte Mission in einer gewissen Zeit erfuellt wird. Wenn die auserwaehlte Person versagt, wird die Erfuellung ihrer Mission mitsamt der Vorsehung aufgeschoben. Es wird eine neue Person fuer diese Mission ausgewaehlt, und diese Person wird sich unter Umstaenden auf den alten Namen berufen. So war es auch bei der Geburt des Johannes, als ein Engel zu Zacharias sprach: "Er wird mit dem Geist und mit der Kraft des Elia dem Herrn vorangehen, um das Herz der Vaeter wieder den Kindern zuzuwenden und die Ungehorsamen zur Gerechtigkeit zu fuehren und so das Volk fuer den Herrn bereit zu machen" (Lk 1,17).

Diese Prophezeiung entspricht beinahe voellig der Stelle in Maleachi, die wir oben in bezug auf die Ankunft des Elia zitierten. Bei Johannes (Joh 1,21) fragen sich die Pharisaeer, ob Johannes der Elia sei, aber Jesus selbst legte Zeugnis fuer Johannes ab: "Und wenn ihr es gelten lassen wollt: Ja, er ist Elia, der wiederkommen soll" (Mt 11,14). Dadurch war es auch den Juengern klar bewusst (Mt 17,12-13). Was war nun die Mission des Elia, die Johannes erfuellen sollte?

Ungefaehr 900 Jahre vor Johannes versuchte der Prophet Elia Israel von einer falschen Religion zu saeubern. Er arbeitete daran, die Menschen wieder mit dem Tempel zu vereinigen. Es gelang ihm nicht vollstaendig, Israel von der Goetzenanbetung wegzubringen, was ein unvollkommenes Fundament fuer den Messias bedeutete. Deshalb sollte "Elia" vor dem Messias kommen, um seine "Wege zu ebnen", indem er Israel mit dem Tempel und dem Gesetz im Mittelpunkt vereinigte. Johannes war in einer einzigartigen Position unter all den uebrigen Propheten, da er zur selben Zeit wie der Messias lebte. Er sollte nicht nur Zeugnis fuer Jesus ablegen, sondern ihm als engster Juenger nachfolgen. Johannes uebte nicht nur grossen Einfluss auf das gewoehnliche Volk aus, sondern auch auf die Pharisaeer, die damals in Israel eine der maechtigsten Gruppen waren. Wenn sich Johannes und seine Bewegung Jesus angeschlossen haetten, haetten die Pharisaeer und mit ihnen ganz Israel in verhaeltnismaessig kurzer Zeit Jesus nachfolgen koennen. Das war sicherlich Gottes Hoffnung in bezug auf Johannes den Taeufer. Aber Johannes erfuellte diese Mission nicht.

Wir kommen damit zur kritischsten Frage um das Leben Jesu: War es Gottes Wille, dass die Menschen an ihn glaubten und ihm nachfolgten? Lassen wir Jesus selbst antworten: "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen" (Mt 11,28); "Jerusalem, Jerusalem ... wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Kueken unter ihre Fluegel nimmt; und ihr habt nicht gewollt!" (Mt 23,37); "Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren" (Joh 12,26); "Verkaufe alles, was du hast, verteil das Geld an die Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!" (Lk 18,22). "Da fragten sie ihn: Was muessen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen? Jesus antwortete ihnen: 'Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat'" (Joh 6,28-29). "Was sagt ihr zu mir: 'Herr, Herr!', und tut nicht, was ich sage?" (Lk 6,46).

Von den Evangelien her sieht man klar, dass Johannes darin versagte, an Jesus zu glauben. Johannes liess Jesus fragen: "Bist du der, der kommen soll, oder muessen wir auf einen anderen warten?" (Mt 11,3). Er folgte Jesus auch nicht nach: "Er (Jesus) muss wachsen, ich (Johannes) aber muss kleiner werden" (Joh 3,30).

Wahre Demut sollte fuer Johannes nicht einen Verzicht auf eine Verbindung mit Jesus bedeuten, sondern eine voellige Vereinigung mit Jesus. Johannes war von Jesus so sehr getrennt, dass er sogar vor den Pharisaeern leugnete, in der Position des Elia zu stehen: "Sie fragten ihn: Was bist du dann? Bist du Elia? Und er sagte: Ich bin es nicht." Diese Antwort des Johannes war ausschlaggebend. Einmal war es eine Verleugnung der Offenbarung, die seine Eltern in bezug auf seine Geburt erhielten (Lk 1,17). Zum zweiten widersprach es direkt dem Zeugnis Jesu (Mt 11,14). Wem konnten die Fuehrer Israels mehr Glauben schenken: Johannes oder Jesus? Johannes war ein beruehmter Heiliger - Jesus war unbekannt, der Sohn eines Zimmermanns in einem kleinen Dorf. Es war nur natuerlich, dass sie Johannes glaubten und die Behauptung Jesu, dass Johannes sein "Elia" sei, zurueckwiesen.

Am Anfang erfuhr Johannes vom Himmel, dass Jesus der Sohn Gottes sei und er legte auch Zeugnis dafuer ab (Mt 3,14-17). Jesus aber nachzufolgen, war Johannes' eigene Verantwortung, und diese erfuellte er nicht. Er bezeugte seinen Glauben folgendermassen: "Kein Mensch kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist" (Joh 3,27). Diese Einstellung hinderte ihn, aus eigener Initiative Jesus nachzufolgen. Johannes hatte womoeglich auch viele falsche Vorstellungen ueber einen Messias, z.B., dass er, Johannes, unwuerdig sei, die Sandalen des Messias zu beruehren. Er duerfte wohl die Art der goettlichen Vorsehung nicht ganz verstanden haben; desgleichen wird es auch nicht leicht gewesen sein fuer Johannes, Jesus nachzufolgen, wenn man bedenkt, dass Jesus sein juengerer Cousin und weitaus unbekannter war. Einige dachten sogar, dass Johannes selbst der Messias sei (Lk 3,15), wobei Johannes befuerchtet haben mag, seine Nachfolger zu verlieren.

Von vielen wird Johannes jetzt noch immer als der groesste Prophet angesehen, einzig und allein aufgrund der Tatsache, dass er im biblischen Bericht im Zusammenhang mit Jesus angefuehrt ist. Zur gleichen Zeit wie Jesus gelebt zu haben, war seine einzige Ehre; dies bedeutete aber zugleich auch unbedingte Verantwortlichkeit, sogar bis zum Tod. Den Weg fuer den Messias vorzubereiten ist nicht mit einer einmaligen Taufe oder Verkuendigung abgetan. Es ist eine Berufung fuer das Leben und ein Dienst am Erloesungswerk der Welt. "Amen, das sage ich euch: Unter allen Menschen hat es keinen groesseren gegeben als Johannes den Taeufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist groesser als er" (Mt 11,11).

Jesus sagte mit diesen Worten, dass Johannes der groesste aller Propheten war. Nach der Verkuendigung, dass Jesus der Messias sei, endete Johanes' Rolle als Prophet und seine substantielle Arbeit als Juenger Jesu haette beginnen sollen. Da Johannes in dieser Aufgabe versagte, ist der Geringste im Himmelreich groesser als er. Selbst nach der Offenbarung, die er von Gott am Jordan erhalten hatte (Mt 3,16), zog Johannes mit seinen Juengern weiter und taufte an einer anderen Stelle des Flusses als Jesus (Joh 3,25-26). Schliesslich wurde er in einen Skandal am Hof des Herodes verwickelt, was von Jesu Amt und seiner eigenen Rolle als Elia voellig losgeloest war. Seit der Zeit, in der er sich von Jesus getrennt hatte, begann seine Karriere zu schwinden, und er nahm ein bedeutungs loses Ende: er starb als Opfer einer Laune der Nichte des Herodes. Die Juenger Johannes' vereinigten sich nie mit Jesus; ja, es gibt sie heute noch - sie heissen die Mandeanischen Gnostiker (Mandaeer). Seit der Zeit von Johannes' Versagen, trat Jesus anders an das Volk Israel heran als vorher (Mt 11,12). Das potentiell vorhandene Fundament fiel in sich zusammen, und dies war der Punkt, an dem Satan an Jesus herankonnte. Jesus erwiderte auf eine Art, wie sie nur dem Sohn Gottes moeglich ist, indem er in die Wueste ging und sich Satan direkt in 40-taegigem Fasten und Beten entgegenstellte. Er ging Satan gegenueber als Sieger hervor und errichtete seine Position als Messias ohne Schluesselfigur, die Zeugnis fuer ihn ablegte. Da sagten die Pharisaeer zu ihm: "Du legst ueber dich selbst Zeugnis ab; dein Zeugnis ist nicht gueltig" (Joh 8,13).

Mit diesem Verstaendnis betrachten wir die ueberlieferten Lehren Jesu.

Die Lehre Jesu

Die Botschaft Jesu ist in ihrer voelligen Einfachheit geradezu furchteinfloessend.

"Wenn man uns bittet, die Bedeutung zu erklaeren, entdecken wir immer wieder neue Ebenen von Bedeutungen. Wir erkennen also, dass die Worte Jesu, die wir seit unserer fruehesten Kindheit kennen, unbegreiflich sind fuer uns" (Paul Tillich, "The shaking of the Foundations" - "Die Erschuetterung der Grundlagen").

Heute, 2000 Jahre nach Christus, koennen wir Jesu Weisheit wuerdigen, und wir fuehlen uns gefeit von einem verschwommenen Verstehen dessen, was Jesus wirklich von uns wollte. Die Menschen, die direkt von Jesus berufen wurden, hatten keine Zeit abzuschaetzen, sich zu besinnen und nachzudenken. Die tatsaechliche Anwesenheit Jesu brachte eine gewisse Dringlichkeit mit sich. Sie mussten entweder ihre Netze, Boote und ihre Vaeter verlassen und ihm augenblicklich folgen, oder einen guten Grund finden, damit sie nicht zu folgen brauchten. Weil jene Menschen versagten, die urspruenglich vorbereitet waren, Jesus anzunehmen, musste Jesus verhaeltnismaessig unvorbereitete Menschen finden, die die Welt aufgeben konnten, um ihm zu folgen. Er wurde ein befehlender Meister. Die Worte Jesu forderten mit allem Nachdruck voelligen Gehorsam.

"Die Einladung anzunehmen, aufzustehen, zu kommen - das bedeutet natuerlich Entsagung, all das aufzugeben, womit der Mensch gewoehnlich versucht, sein Leben zu gestalten und zu erhalten. Ja, Entsagung von sich selbst, sein Leben zu opfern: Ein Gehorsam, der nicht bereit ist, auf diese Weise zu handeln, ist kein wirklicher Gehorsam" (Guenther Bornkamm, Jesus von Nazareth, S.83, engl.).

Diejenigen, denen Jesus zuerst begegnete, waren ganz gewoehnliche Leute - Fischer. Die ihm mit ganzer Zuneigung folgten, waren von der untersten Schicht der Gesellschaft. Wegen ihres niedrigen Status konnten sie die Botschaft Jesu hoeren und ihm folgen; sie mussten weniger Angst davor haben, Schaden an ihrem Leben und Ruf zu erleiden. Ihre demuetigen Herzen sind uns ein gutes Beispiel, aber ihre Zusammenarbeit mit Jesus war nicht so fruchtbar, wie die Zusammenarbeit mit den gesellschaftlichen und religioesen Fuehrern gewesen waere.

Er hat seine Juenger zu einem schwierigen Leben berufen. "Die Fuechse haben ihre Hoehlen und die Voegel ihre Nester", sagte Jesus, "der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann" (Mt 8,20). Sie mussten alles opfern, ihren Lebensunterhalt und ihre Familien. Dem einen wurde geraten, nicht fuer das Begraebnis seines Vaters zu sorgen (Lk 9,60), dem anderen, dass er alles, was er hatte, verkaufe und den Erloes dann den Armen gebe (Lk 18,22). Er lehrte sie, ihr Leben hinzugeben (Mt 10,39), ja, ihr eigenes Leben zu hassen (Lk 14,26) und um seines Namens willen gehasst zu werden (Mt 10,22). Schliesslich gelobten sie sogar, mit ihm zu sterben, bevor sie ihn verleugnen wuerden (Mt 26,35).

Jesus lehrte eine Ethik der Opferbereitschaft fuer andere (Mt 5,40-42), der Vergebung (Mt 6,14) und der Demut (Mt 5,5). Er beachtete weder rassische noch soziale Barrieren (Lk 7,39; 10,29-37). Er sprach von einem Reich, "das nicht von dieser Welt" sei, und war doch ungeheuer praxisbezogen (Mk 3,27). Wenn er von einem Reich, "das nicht von dieser Welt ist", sprach, so nahm er Bezug auf eine neue Ordnung auf Erden, in der Gott im Zentrum steht. Er lehrte die vorrangige Bedeutung des Reiches Gottes, wies aber auch die Menschen an, die Konflikte mit ihren Nachbarn zu loesen, bevor sie zu Gott kaemen (Mt 5,23-25). Er schien zu glauben, dass die Menschen vollkommen werden koennen (Mt 5,48), und dass das ganze Gesetz in den zwei Geboten zusammengefasst werden kann: der Liebe zu Gott und der Liebe zum Naechsten. Er reduzierte das Leben auf das Wesentlichste: "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten" (Mt 7,12).

Er versuchte seine Autoritaet als Repraesentant Gottes zunaechst durch seine Lehre zu begruenden. Dem wurde von der etablierten Gesellschaft mit grosser Skepsis begegnet (Joh 7,15). Gottes Offenbarung fuer die Welt durch Jesus war jedoch nicht bloss auf eine Lehre beschraenkt. Die Person Jesus selbst war es, die den Menschen neues Leben geben konnte: "Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; gerade sie legen Zeugnis fuer mich ab. Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben" (Joh 5,39-40).

Jesus verkuendete auch: "Die Werke, die ich im Namen meines Vaters vollbringe, legen Zeugnis fuer mich ab... Glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt" (Joh 10,25.38). Seine Wunder und Heilungen, die er vollbrachte, waren nicht eigentliche Aufgabe des Erloesers. Die weit wichtigere Mission Jesu war die Vergebung der Suenden und die Errichtung eines Lebensweges, der die Menschen mit Gott vereinigen konnte. Er beanspruchte fuer sich die Autoritaet, Suenden zu vergeben (Mk 2,10) und der einzige Weg zu Gott zu sein (Joh 14,6).

Fuer die religioesen Fuehrer Israels war das arrogant und anmassend. Sie dachten, dass er den Anspruch erhebe, Gott zu sein und sagten: "Wie kann dieser Mensch so reden? Er laestert Gott. Wer kann Suenden vergeben ausser dem einen Gott?" (Mk 2,7).

Viele Gleichnisse Jesu spiegeln seinen Kummer ueber die Unfaehigkeit der Menschen, ihn zu verstehen, wider. Der Kern seiner Botschaft waren die Gleichnisse, die vom Kommen des Reiches Gottes sprachen. Ein Aspekt bezieht sich auf die tragische Weise des Anbruchs des Himmelreiches. Er illustrierte das durch den Koenig, der ein Hochzeitsfest fuer seinen Sohn veranstaltete und dazu alle wichtigen Personen einlud. Als dann die erwarteten Gaeste nicht erschienen, bekuemmerte ihn das sehr, und er liess die Blinden und Lahmen von der Strasse einladen, damit die Tafel voll besetzt sei. Im Gleichnis von den Talenten erscheint das Himmelreich als ein Platz, an dem wir Rechenschaft ablegen muessen, so wie es die Diener mussten, als ihr Meister zurueckkam um zu sehen, wie weise sie die Gaben, mit denen er sie betraute, verwendet hatten. Ein drittes und zugleich sehr bewegendes Gleichnis, das vom verlorenen Sohn, offenbart Gottes sehnsuechtig wartendes Herz. So wie der verlorene Sohn seinen Vater im Stich laesst oder wie das eine fehlende Schaf dem Herzen des Hirten Kummer bereitet, wird Gott von seinen gefallenen Kindern betruebt und im Stich gelassen. Aber genauso wie der Vater und der Schafhirte wird Gott nicht aufgeben, uns geduldig zu suchen. Der Vater bestrafte seinen Sohn nicht, sondern feierte seine Rueckkehr. Der Hirte vergass auf seine Bequemlichkeit und brachte sogar sein Leben in Gefahr, um das eine verlorene Schaf zu retten. Diese Gleichnisse reflektieren Jesu tiefes Verstaendnis um das elterliche Herz Gottes. Wir erkennen durch Jesu Botschaft Gottes unendliche Liebe, dass er, ganz egal wie lang es dauern mag, unmoeglich sein Verlangen aufgeben wird, alle seine Kinder zu retten.

Die Juenger

Es scheint, dass Jesus zeitweise sehr populaer war und von zahlreichen neugierigen Leuten als eine Fuehrerfigur betrachtet wurde. Jesus verwehrte ihnen das (Joh 6,14-15). Dies spricht jedoch nicht gegen die Tatsache, dass er auch irdische Ziele verfolgte; es zeigt vielmehr, dass Jesus einsatzfreudige Juenger benoetigte, die sich nicht bloss von Wundern oder sensationellen Geruechten angezogen fuehlten. Wieviele von denen, die er heilte, oder denen er die Suenden vergab, folgten und unterstuetzten ihn wirklich?

Eine kleine Schar folgte Jesu Ruf. Sie wurden seine Juenger. Sie wurden von Jesus geliebt und vollbrachten Wunderbares; letzten Endes aber stellte sich heraus, dass ihre Einheit und ihr Glaube unzulaenglich waren. Wie in Lk 10 berichtet wird, sandte Jesus einmal 70 Juenger in alle Staedte Israels aus, um sein Kommen vorzubereiten.

Sie kehrten auch mit Enthusiasmus und gluehenden Zeugnissen zurueck. Man liest aber dann nichts von einem darauffolgenden erfolgreichen Missionszug Jesu in Israel.

Jesus fragte seine Juenger oft, ob sie ihn auch verstuenden, wobei sie im allgemeinen bejahten (Mt 13,51). Bald aber sollte sich schon zeigen, dass sie die Bedeutung seiner Worte nicht verstanden (Mt 16,1-11; Mk 8,17). Die Juenger trachteten eifersuechtig nach der hoechsten Position in der Gemeinschaft um Jesus und behandelten einander fast herabwuerdigend (Mt 20,24). Judas lieferte ihn durch einen Kuss seinen Feinden aus. Alle schliefen ein, wo er sie doch so verzweifelt gebeten hatte, mit ihm zu beten. Bei seiner Gefangennahme flohen alle und verleugneten ihn. Petrus verleugnete seine Verbindung mit Jesus. Der einzige, den Jesus segnete, war der Dieb, mit dem er gekreuzigt wurde (Lk 23,42-43); und der erste, der nach der Kreuzigung bekannte, dass Jesus der Sohn Gottes war, war ein heidnischer roemischer Soldat (Mk 15,39). "Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage... Dies trage ich euch auf: Liebt einander" (Joh 15,14.17). Das war Jesu eigene Definition von Freundschaft; so gesehen starb er ohne einen Freund.

Jesus und die Nation Israel

Ein starker nationaler Fuehrer in Israel haette eine Bedrohung fuer die Stabilitaet des Roemischen Reiches bedeutet. Die Sadduzaeer waren Juden, die die griechisch-roemische Art der Kleidung und Politik angenommen hatten. Sie fuehrten den Tempel, das religioese Zentrum Israels, und hatten gegen Ende des Kompromisses mit Rom auch die Kontrolle ueber den Thron. Sie verstanden es sehr geschickt, sich und ihre Nation bei den innenpolitischen Auseinandersetzungen Roms auf die Gewinnerseite zu stellen. Fuer diese Gruppe stellte Jesus als ein unabhaengiger, anerkannter Fuehrer eine Gefahr dar. Als Jesus die Geldwechsler aus dem Tempel trieb, begannen sie sich zu fuerchten.

Politische Autoritaet fusste in Israel auf der Existenz des Tempels, als "Mittel des Freikaufs". Die Hierarchie in Jerusalem befuerchtete, dass Jesus diese Autoritaet mit Erfolg unterwandern koennte, indem er die Menschen eine neue Beziehung zu Gott lehrte, die die zentrale Bedeutung des Gesetzes und des Tempels mehr in den Hintergrund stellte. Jesus war ein Aussenseiter, der die "Spielregeln" nicht beachtete. Das Gericht des Sanhedrin, das seine Gefangennahme anordnete, stand unter Aufsicht der Sadduzaeer.

Im religioesen Bereich waren die Pharisaeer Jesu Gegenspieler. Sie waren eine Klasse von Maennern, die fuer eine strikte, bis in jede Einzelheit genaue Einhaltung des Gesetzes eintraten. Da sie an Jesus dies vermissten - was ihnen sehr missfiel -, versuchten sie staendig, ihn in ein schlechtes Licht zu ruecken. Wir fuehren an dieser Stelle noch einmal das Versagen Johannes des Taeufers an, der Mittler zwischen Jesus und den Pharisaeern haette sein koennen. Obwohl ihn einige Pharisaeer anerkannten, waren die wohl schaerfsten Worte Jesu (Mt 23) an diese Gruppe als Ganzes gerichtet, da auf nationaler Ebene gerade sie am besten in der Lage gewesen waeren, ihn zu erkennen und Gottes Vorsehung durchzufuehren.

Die Sadduzaeer und Pharisaeer waren Gruppen, die Israel mit Jesus vereinigen haetten koennen. Das Israel dieser Zeit uebte weit ueber seine Grenzen hinaus politischen und wirtschaftlichen Einfluss auf das Roemische Reich aus - durch die weitverstreuten, einflussreichen juedischen Niederlassungen der Diaspora. Mit der Unterstuetzung dieser beiden fuehrenden Klassen haette der Wille Gottes durch Jesus verhaeltnismaessig leicht auf die Ebene des roemischen Weltreiches gebracht werden koennen.

Die Stiftshuette, aus der der Tempel und das Gesetz hervorgingen, war der zentrale Punkt, um den sich Israel haette vereinigen sollen, um das Fundament fuer den Empfang des Messias zu errichten. Den gleichen heiligen Eifer, mit dem sie in Ehrfurcht dem Tempel und dem Gesetz begegneten, haetten sie Jesus entgegenbringen sollen. Er kam als die Erfuellung des Gesetzes, als einer, der groesser war als der Tempel. Aber die Fuehrer Israels entschlossen sich, am Alten festzuhalten, sodass seine neue Interpretation des Gesetzes und des Tempels verworfen wurde.

Und so, wie es nahezu alle Institutionen zu tun pflegten, hielten auch sie an ihrer Identitaet und ihrer sicheren Position fest. Gott beabsichtigte durch Jesus, die Beziehung Israels zu ihm zur Vollendung zu bringen und das messianische Koenigreich zu gruenden. Da Jesus eine derartige Bedrohung fuer ihre Machtposition darstellte, moegen sie wohl gefuehlt haben, Gott und Mensch einen Dienst zu erweisen, wenn sie alles versuchten, ihn auszuschalten. Ihr Versagen kennzeichnete das endgueltige Versagen der Menschheit, den Messias aufzunehmen. Dies sagt aber ueber uns alle etwas aus, was unsere Beziehung und Haltung Gottes Repraesentanten gegenueber betrifft, nicht nur im speziellen ueber diese juedischen Fuehrer. Gottes Repraesentanten stellen unvermeidlich eine Herausforderung fuer unsere althergebrachten Vorstellungen ueber das Leben dar, und diese Herausforderung wird nicht nur an die Machthabenden herangetragen, sondern an jeden Menschen in jedem Bereich der Gesellschaft.

Jesus appellierte oft an ihre Aufgeschlossenheit und forderte ein Losloesen von der alten Ordnung. Unsere ueblichen Anstrengungen in bezug auf unser Leben moegen letztlich nicht zu unserem Vorteil sein: "Was nuetzt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?" (Lk 9,25). Um in das Reich Gottes eingehen zu koennen, muss ein Reicher seine weltlichen Bindungen aufgeben und sich geistigen Werten zuwenden; er wird womoeglich um anderer willen Leiden und Haerten auf sich nehmen muessen. Es mag sogar so schwierig sein fuer ihn, "dass es leichter fuer ein Kamel ist, durch ein Nadeloehr zu gehen..." (Mk 10,25).

Das soll jedoch nicht bedeuten, dass das Reich Gottes verarmt sein muss, sondern dass der gefallene Mensch, mag er nun reich oder arm sein, seine geistigen Sehnsuechte den materiellen voranstellen muss. Unsere tatsaechlichen Hindernisse sind nicht die Objekte selbst, die wir entweder haben oder nicht haben, sondern unsere Ideen und Vorstel lungen, die wir nicht aufgeben wollen. Es ist unser eigenes Leben, das uns im Wege steht.

Fuer seine Leute brachte Jesus einen neuen Ausdruck der Wahrheit, "neuen Wein". Die ihn am meisten anfeindeten, wie z.B. der Adel, hielten ganz stark an der Tradition und am Buchstaben des Gesetzes fest. Jesus sagte: "Auch fuellt niemand neuen Wein in alte Schlaeuche. Sonst zerreisst der Wein die Schlaeuche; der Wein ist verloren, und die Schlaeuche sind unbrauchbar. Neuer Wein gehoert in neue Schlaeuche" (Mk 2,22).

Eine neue Sicht vom Leben erfordert ein neues, offenes Herz und Gemuet. Ein engstirniger Geist wird die Wahrheit, die dem ueblichen Denken scheinbar zuwiderlaeuft, verwerfen. Wir duerfen den Juden, die zu Jesu Zeiten lebten, nicht aussergewoehnliche Schuld in die Schuhe schieben - sie sind genauso wie wir alle. Jesu Aufschrei galt der ganzen Menschheit: "Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt haettest, was dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen...denn du hast die Zeit der Gnade nicht erkannt" (Lk 19,42.44).

Die Bibel berichtet, dass Jesus gegen Ende seines Amtes angeklagt wurde, ein Gotteslaesterer, ein Zerstoerer des Mosaischen Gesetzes und der Familienmoral zu sein, ja eigentlich eine kriminelle Gefahr fuer die ganze Nation. Die an ihn glaubten, flohen von seiner Seite, und die uebrigen Menschen und seine Richter verblieben in Unwissenheit - sie wussten nicht, wer er war. Durch das Machwerk einer roemischen Buerokratie kam die groesste Tragoedie der Geschichte zustande. "Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schaedelhoehe, die auf hebraeisch Golgota heisst. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte Jesus" (Joh 19,17f).

Tod und Auferstehung Jesu

Dem Prinzip der Wiederherstellung gemaess muss der Messias eine bestimmte Mission auf Erden erfuellen: Die Verwirklichung der drei Segen. Wiewohl Jesus den ersten Segen, die persoenliche Vollkommenheit, erfuellte, fand er nie eine Situation vor, die stabil genug gewesen waere, um fuer seine eigene Heirat und sein eigenes Familienleben Vorsorge treffen zu koennen, womit er den zweiten Segen haette erfuellen koennen.

Nachdem Jesus sein physisches Leben verlor, war es unmoeglich fuer ihn, den zweiten und dritten Segen auf Erden zu erfuellen. Seit dem Zeitpunkt der Verklaerung, als ihm Mose und Elia erschienen, wusste Jesus Bescheid ueber sein Schicksal: das Leiden und den Tod in Jerusalem (Lk 9,28-36; Mt 17,1-9; Mk 9,2-8). Erst nachdem Gott sah, dass die Schluesselpersonen ihn nicht annahmen, sah sich Jesus mit dieser Moeglichkeit konfrontiert. Nachdem sich die Fehler derjenigen, die um Jesus waren, haeuften, liess Gott Jesus erkennen, dass er am Kreuz sterben muesse.

Durch die Zurueckweisung Jesu kam die ganze Menschheit in den Anspruchsbereich Satans, und die Hoffnung auf Erloesung haette verloren gehen koennen. Gott blieb nur mehr eine Moeglichkeit zu wirken, naemlich einen geistigen Sieg davonzutragen: indem Jesus all die Suenden, alles Versagen, alle Blindheit der gefallenen Menschen ohne Klage auf sich nahm, und dabei denen vergab, die ihn verfolgten und die seinen Tod bewirkten. Jesus legte Zeugnis dafuer ab, dass die Liebe staerker ist als Hass, ja dass sie selbst den Tod ueberwindet. Das einzige, was Jesus tun konnte, war tatsaechlich nur mehr zu sterben; so wie der Apostel Paulus schrieb: "Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?" (1 Kor 15,55).

Satan klagte in der ganzen Geschichte Gott und Mensch dafuer an, dass er nicht geliebt werde. Da Jesus der suendenlose Sohn Gottes war, wurde sein Tod zum einzigen Kanal, durch den die Menschen noch Hoffnung haben konnten, diese Anklage zu ueberwinden. Dadurch, dass er seinen eingeborenen Sohn opferte, liebte Gott Satan und die satanische Menschheit mehr als seinen eigenen Sohn. Satan hatte daher keinen Grund mehr, Gott anzuklagen.

Auch Jesus liebte die gefallene Menschhheit, die in diesem Fall Satan repraesentierte, mehr als sein eigenes Leben, als er den Weg des Kreuzes ging. Satan konnte die Liebe Jesu nicht verleugnen, da sie total selbstlos, voellig auf andere bezogen war. Dies war eine Wiederherstellung bzw. "Umkehrung" des Verhaltens Adams, der sein eigenes Leben mehr liebte als den Willen Gottes. Wie Adam geistig fuer den Willen Satans starb, starb Jesus physisch fuer Gottes Willen.

Satan mobilisierte Menschen, um Jesus physisch zu toeten und verhinderte dadurch, dass Jesus die drei Segen erfuellen konnte. Dieser Tod aber stellte eine Bedingung fuer Gott dar, seine Macht der Auferstehung auszuueben, denn durch Jesus konnte er die ganze Menschheit lieben.

Die Auferstehung war ein Sieg ueber den Tod. Gemaess dem Prinzip der Schoepfung, ist der physische Tod natuerlich - ein Teil des Lebenszyklus. Der vom Suendenfall verursachte Tod war ein geistiger Tod: der Verlust der vollkommenen Liebe Gottes; "Wer nicht liebt, bleibt im Tod" (1 Joh 3,14). Die Auferstehung bedeutet die Oeffnung fuer das geistige Leben der Welt.

Durch die Auferstehung Jesu ist uns der Weg zu Gottes Liebe und zur geistigen Erloesung eroeffnet. Aber wegen seines physischen Todes wurde die Verwirklichung eines irdischen Koenigreiches verschoben.

Das Kreuz erschien als Sieg Satans, aber die Auferstehung war Gottes Sieg, der Jesus geistig in Angriffsstellung brachte. Deshalb stellt der Glaube an Jesus eine Anspruchs berechtigung Gottes auf den Menschen dar, die Satan nicht beeintraechtigen kann. Er kann sich in Jesu Liebe zu uns nicht einmischen, was uns die Moeglichkeit bietet, Gott kennenzulernen. Tatsaechlich liebte Jesus andere mehr als sein eigenes Leben. Er gab sein Leben und uns dadurch Hoffnung. Fuer den Christen ist das der groesste Beweis der Liebe Gottes.

Durch die Zurueckweisung Jesu auf Erden blieb keine Hoffnung auf physische Erloesung. Die Welt und der physische Koerper sind gezwungen zu warten. Dies beschrieb Paulus folgendermassen: "Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erloesung unseres Leibes als Soehne offenbar werden" (Roem 8,23).

Obwohl Jesus keine universelle Wiederherstellung, d.h. sowohl im geistigen als auch physischen Bereich, bewirken konnte, konnte Gott dennoch eine neue Vorsehung der geistigen Erloesung mit dem auferstandenen Jesus beginnen.

Gottes Wille und die Freiheit des Menschen

Besteht die Moeglichkeit, dass Gottes Plaene durch die Geschoepfe dieser Welt veraendert werden koennten? In der westlichen Welt verneint man dies gewoehnlich. Gott muss daher unter allen Umstaenden fuer souveraen und unuebertrefflich gelten. So kam man zu dem Schluss, dass Jesu Tod der vorausbestimmte Wille Gottes war, was auf der philosophischen Gottesvorstellung der Griechen basierte.

Es ist jedoch klar, dass ein Ereignis wie die Kreuzigung eine Folge davon war, dass die Menschen auf Jesu Forderung, an ihn zu glauben, waehrend er noch auf Erden lebte, nicht eingegangen waren. Wir kommen daher zu dem Schluss, dass fuer Gott unsere Freiheit so bedeutsam ist, dass er sie uns selbst auf die Gefahr hin noch gewaehrt, dass wir sie missbrauchen. In seiner Souveraenitaet hat Gott sich entschieden, uns sein Wesen der Freiheit zu geben, und bestimmte nur die Art des Weges vorher, den wir zur Erfuellung seines Ideals einschlagen muessen.

Die Majestaet und Herrlichkeit Gottes muss nicht eine Art von Tyrannenherrschaft zur Grundlage haben. Wir erkennen sie vielmehr in seinem ewigen Glauben an uns und in seiner unerschuetterlichen Liebe.

Deshalb liegt es an uns, entweder Gottes Willen zu erfuellen oder darin zu versagen. Beide Moeglichkeiten sind gegeben. So ist verstaendlich, dass Gott in der hebraeischen Tradition zwei Prophezeiungen anregte, die die Erfuellung Seines Willens betreffen. Gottes Verantwortung war es, den Messias zu senden; ihn anzunehmen, ist die Verantwortung der Menschen. Die Propheten wiesen in ihren Aussagen immer warnend darauf hin, dass das Schicksal der Menschen eine Folge ihrer Erwiderung auf Gottes Wort sei. Ihre Prophezeiung schloss eine Bedingung ein; z.B.: "Wenn ihr euch dadurch noch nicht warnen lasst und mir weiterhin feindlich begegnet, begegne auch ich euch feindlich und schlage auch ich euch siebenfach fuer eure Suenden" (3 Mos 26,23-24).

Befolgen die Menschen Gottes Willen, werden sie gesegnet; handeln sie seinem Willen zuwider, werden sie leiden. Einen typischen Fall dafuer stellen die Prophezeiungen bezueglich des Messias dar. Einige prophezeien einen koeniglichen Messias, wie z.B. Jes 9,6, Jer 23,5 und Dan 2,44. Andere wiederum, wie Ps 69,21, Jes 53,1-10 und Dan 9,26, prophezeien einen leidenden Messias. Ob Jesus ein Koenig oder Maertyrer wird, haengt davon ab, ob er auf Erden angenommen oder abgelehnt wird. Wir neigen heute dazu, uns fuer besser zu halten als die Leute damals in Israel, indem wir annehmen, dass wir Jesus sofort nachgefolgt waeren. Koennen wir uns dessen jedoch so sicher sein?

Wir moechten daran erinnern, dass das N.T. auch Prophezeiungen beinhaltet, die sich auf das Zweite Kommen (die Wiederkunft) des Messias beziehen; auch diese sind von zweideutiger Natur. Bei Mt 24,30 sagte Jesus: "Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Voelker der Erde jammern und klagen, und sie werden den Menschensohn mit grosser Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen", wobei Engel die Auserwaehlten von allen vier Winden sammeln werden. Aehnliche Prophezeiungen findet man in 2 Thess 2,8; Lk 17,24; 2 Petr 3,10 und im letzten Kapitel der Offenbarung.

Jesus sagte aber auch: "Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an aeusseren Zeichen erkennen koennte" (Lk 17,20); er fragte auch: "Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?" (Lk 18,8). In Lk 17,25 wird auch vorausgesagt, dass der Messias wiederum Zurueckweisung erfahren wird. Dies besagt deutlich eine andere Art der Wiederkunft als die in den "Wolken und in Herrlichkeit".

So verstehen wir, dass genauso wie zur Zeit Jesu, der Sieg beim Zweiten Kommen nicht nur von Gottes Willen, sondern wiederum von unserer Erwiderung abhaengt. Daher muessen wir uns davor hueten, uns zu sicher zu fuehlen. Jesus als uebernatuerliches Wesen zu betrachten, verleitet uns dazu, die Verantwortlichkeit, die er uns uebertrug, zu schmaelern. Wir sind versucht zu sagen, dass niemand von uns erwarten kann, so zu leben, wie er lebte: "Es war leicht fuer Jesus, vollkommen zu sein, musste er doch nicht mit den Problemen fertig werden, die wir haben!" Es ist jedoch ziemlich sicher, dass Jesus ebensolche Probleme zu loesen hatte, ja sogar noch groessere, wodurch sein Leben auch fuer uns Bedeutung gewinnt. Dies erklaert auch seine Worte, dass diejenigen, die an ihn glauben, groessere Dinge tun werden, als er sie tat (Joh 14,12).

Das Paradoxon des Kreuzes

Das Osterereignis war moeglicherweise der Wendepunkt in der menschlichen Geschichte. Es war das Ende von Gottes direkter Anwesenheit in der physischen Welt. Es war die Zurueckweisung Gottes durch die Menschheit und Gottes absoluter Triumph der Liebe ueber die Zurueckweisung durch Jesus Christus. Die Welt hasste zwar Jesus und Gott, sie aber liebten die Welt. Gott gab seinen einzigen Sohn hin, und Jesus starb aus Liebe zur gefallenen Welt. Diese grossartige Liebe befreit unseren Geist von der Knechtschaft der Suende und des Todes.

Die Juenger aber waren ungehalten und bestuerzt ueber den Tod Jesu: "Ihr Halsstarrigen, ihr, die ihr euch mit Herz und Ohr immerzu dem Heiligen Geist widersetzt, eure Vaeter schon und nun auch ihr. Welchen der Propheten haben eure Vaeter nicht verfolgt? Sie haben die getoetet, die die Ankunft des Gerechten geweissagt haben, dessen Verraeter und Moerder ihr jetzt geworden seid, ihr, die ihr durch die Anordnung von Engeln das Gesetz empfangen, es aber nicht gehalten habt" (Apg 7,51-53). "Keiner der Machthaber dieser Welt hat sie (die Weisheit Gottes) erkannt; denn haetten sie die Weisheit Gottes erkannt, so haetten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt" (1 Kor 2,8).

Aus den Worten Jesu erkennt man deutlich, dass sein urspruenglicher Kurs nicht das Kreuz war: "Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat" (Joh 6,29). Die Menschen glaubten dem nicht, den Er gesandt hatte, was bedeutete, dass sie nicht mit dem Werk Gottes in Einklang waren.

Seit dem Suendenfall ist das Herz Gottes voll Kummer. Alles, was Jesus tat, sollte diesen goettlichen Kummer vermindern, um den Vater zu troesten. Er sah voraus, dass seine Nachfolger leiden muessten, wie er es tat, bis endlich der Messias wiederkommen koennte. Da ausserdem die Errichtung des Himmelreiches verzoegert wurde, wuerde auch das Leiden der Menschheit in einer von Gott entfremdeten Welt andauern. Da Jesus das alles wusste, muss er schreckliche Qualen durchgemacht haben: "Er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betruebt. Bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein Stueck weiter, warf sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es moeglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorueber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst!" (Mt 26,38-39).

Wenn in Gottes Plan die Kreuzigung unsere Erloesung darstellte, wuerde Jesus darueber nicht bekuemmert gewesen sein, sie anzunehmen. Zahlreiche Maertyrer hielten grosse Qualen durch und priesen Gott dabei! Sollte Jesus, der Retter der Welt, etwa einen Mangel an Glauben und Mut gezeigt haben, als er betete, dreimal sogar, dass der Kelch des Todes an ihm voruebergehe? - Nein, er betete deswegen so, weil er wusste, dass sein Tod am Kreuz nicht Gottes urspruenglichem Willen entsprach. In seiner Pein wegen der misslichen Lage Gottes und der Menschheit suchte er nach irgendeiner Moeglichkeit, den Tod zu umgehen, um seine Mission, die Erfuellung der drei Segen, durchfuehren zu koennen. An diesem Punkt gab es aber keinen anderen Weg mehr. In den Worten "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", zeigte Jesus seinen und Gottes Kummer ueber das unueberlegte Handeln seiner Verfolger. Wir erkennen auch die Willensstaerke Jesu und seine Liebe selbst jenen gegenueber, die ihn zurueckwiesen. Diese Liebe rettete die Menschheit.

Schlussbetrachtung

Die an Jesus glauben, erben geistige Erloesung. Jeder Mensch, auch der heiligste, wird mit dem Erbe des Suendenfalles geboren; und das deswegen, weil der Fall nicht nur eine geistige Suende, sondern auch eine physische Handlung war, die durch das Kreuz nicht freigekauft wurde.

Wir werden mit der urspruenglichen Suende geboren und vererben sie weiter an unsere Kinder. Unser Weg zu Gott wird von der Bibel und ebenso von allen anderen Hauptreli gionen als ein Weg des Leidens, des Gebetes und als paradoxer Glaube an eine Hoffnung beschrieben, zu der man noch keinen Grund hat. Die Wiederherstellung von Gottes urspruenglicher Schoepfungsabsicht, urspruenglichem Ideal muss erst stattfinden.

Voellige Erloesung bedeutet, dass wir Vollkommenheit erreichen; es bedeutet, dass Kinder ohne urspruengliche Suende geboren werden; dass unser Weg zu Gott nicht muehsam zu sein braucht, und dass wir keinen Erloeser mehr brauchen. Um das unvollendete Werk zu Ende zu fuehren, muss die Wiederkunft Christi stattfinden. Jesus prophezeite und versprach das. Um es einfach auszudruecken: es erwartet uns in unserer Beziehung zu Gott mehr als das Kreuz.

"Denn wie der Blitz bis zum Westen hin leuchtet, wenn er im Osten aufflammt, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein" (Mt 24,27). "Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blaetter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr das alles seht, dass das Ende vor der Tuer steht" (Mt 24,32-33).

(Zum naechsten Kapitel: Die Wiederkunft )