Hermeneutik
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Thomas Boslooper:

Bibel und Göttliche Prinzipien

Ich bin zeit meines Lebens Bibelwissenschaftler gewesen. Ich wurde in Liebe zur Bibel von Kind auf erzogen und habe gleichzeitig einen Abschluss mit akademischem Grad (PhD) in Bibelwissenschaften an der Columbia-Universität erworben. Das bedeutet, dass ich sowohl die wissenschaftliche Annäherung an das Studium des Wortes Gottes verfolgt habe als auch eine typische Erziehung in einem christlichen Heim, in der Kirche und in der Sonntagsschule genossen habe.

Als ich die "Göttlichen Prinzipien" las und mit der Vereinigungskirche in Kontakt kam, wurde mir über den Zeitraum eines Jahres hindurch bewusst, dass die Struktur und Entwicklung der Vereinigungstheologie, im Herzen und im Geiste Rev. Sun Myung Moons, die radikalste, machtvollste und konstruktivste Kraft für die Zukunft der Bibelwissenschaft seit der protestantischen Reformation signalisierte.

Ich sage dies, weil es eine der Hauptanklagen gegen Rev. Moon und die Vereinigungstheologie ist, dass sie nicht christlich sei, dass sie dem Worte Gottes gegenüber nicht treu sei, und dass die Mitglieder der Vereinigungskirche nie die Bibel läsen. In Wahrheit ist die Vereinigungskirche sehr wohl echt christlich. So sehr sogar, dass es die Leute erschreckt, die Christen sein wollen, aber in ihrem Herzen wissen, dass sie es in Wirklichkeit gar nicht sind. Die Mitglieder der Vereinigungskirche sind, soweit ich es bisher beobachtet habe, so ernsthafte Erforscher der Bibel, wie ich nur selten jemand sonst begegnet bin.

Basis einer neuen Dimension

Von der protestantischen Reformation an bis jetzt haben sich zwei verschiedene Deutungsrichtungen in der Bibelwissenschaft herausgebildet. Die eine wird die konservative Sicht der Schrift genannt, sie betrachtet die Schrift als inspiriert, autoritativ unfehlbar und interpretiert sie buchstäblich. Sie wurde von Luther und Calvin angeregt, blieb aber in Verbindung mit römisch-katholischen Exegeten.

So könnte man viele Namen zusätzlich zu denen aufführen, die in der jüngsten Geschichte mit dieserart der Deutung, die wir die "übernatürliche Deutung" des Wortes Gottes nennen, aufgetreten sind.

Es könnte vielleicht interessant sein, dass eine gänzlich andersartige Deutung ebenfalls ihren Ursprung in der protestantischen Reformation hatte. Sie begann mit einem Mann namens Sebastian Frank, einem Zeitgenossen Luthers und Calvins, der aufzuzeigen versuchte, dass die Bibel voller Diskrepanzen und Widersprüche sei, wenn man sie buchstäblich auslege. Von der Zeit an gab es viele Theologen, Philosophen und Wissenschaftler, die eine andere Art der Annäherung an das Wort Gottes verfolgten. Man könnte sie die "natürliche Deutung" nennen. Diese Deutung mit ihren komplexen Entwicklungen innerhalb der Bibelwissenschaft ist heute zu einem Stillstand gekommen; denn sie scheint nicht die Achtung, das Verständnis und die Motivation für das Wort Gottes hervorgebracht zu haben, die sie vielleicht hätte bringen sollen. Dieses "Sich-tot-laufen" kann eigentlich nur als eine größere Tragödie innerhalb der Geschichte des Christentums betrachtet werden und ist ein ernstes Hindernis für die Entwicklung der Kirche in der heutigen Welt.

Es hat also diese beiden unterschiedlichen Richtungen gegeben, von denen jedoch keine die Herzen der Menschen voll ergriffen hat, noch in der heutigen Zeit wirklich das Wort Gottes in stimulierender Weise in die Öffentlichkeit getragen hat. Was die Vereinigungstheologie und ihre Annäherung an die Bibel bietet, ist die Gelegenheit für etwas, was man als einen radikalen Neuaufbau der Annäherung an das Wort Gottes bezeichnen könnte oder als eine Annäherung, welche die innere Einheit und Harmonie der Bibel - ihre Essenz herausarbeitet und eine Möglichkeit liefert, ein Verständnis der totalen Dimension des Wortes Gottes zu entwickeln.

An dieser Stelle ist es nicht möglich diese neue Dimension zu beschreiben, aber es ist entschieden festzustellen, dass sie existiert. Wenn die Vereinigungstheologie mit den Extremen der "übernatürlichen" und der "natürlichen" Deutungsrichtung in Berührung kommt (und mit all den Variationen dazwischen), taucht etwas Neues auf; nämlich das, was man "Vereinigungskritik" oder "Vereinigungsannäherung" an die Bibel nennen kann. Die Vereinigungskritik entspringt aus der Berührung zwischen der Vereinigungstheologie und allen anderen Bibelwissenschaften. Die Welt braucht sicherlich eine neue Annäherung an die Bibel. Sie braucht eine, die offen, intellektuell, anregend für den Glauben und vereinigend ist. Gleichzeitigbenötigt die Welt Menschen, die unterrichtend und kritisch, jedoch nicht zu krittelig sind, und die das Gesamtbild genauso gut kennen wie die Einzelteile des Puzzles.

Ich wurde in beiden Traditionen erzogen. Die erste Hälfte meines Lebens zeichnete sich durch eine fundamentalistisch - "übernatürliche" Annäherung aus; die zweite durch eine liberale und modernistisch-radikale Annäherung. Als ich in den letzten Jahren meiner Erfahrung mit der radikalen und liberalen Annäherung an die Zeit meines fundamentalistischen Ansatzes zurückdachte, kam mir oft der Gedanke, warum es nicht irgendjemanden oder irgendeine Kraft in dieser Welt geben könne, die die Essenz und das Beste von beiden zusammenbrächte?

In meinem Herzen sind beide nämlich nicht widersprüchlich. Ob ich die Bibel mit denen studiere, die an sie als an das unfehlbare, autoritative und inspirierte Wort Gottes glauben, oder ob ich mich mit der radikalen Kritik auseinandersetze, die historisch fast alles in ihr ableugnet, mein Glaube wird immer stimuliert, und ich werde näher zu Gott gebracht.

Ich fühlte immer, dass das Wort zu mir sprach, und ich war hoffnungsvoll, dass es jemanden oder eine Kraft geben würde, die beide Ansätze zusammenbrächte. Meine Begegnung mit der Vereinigungskirche und der "Vereinigungsannäherung" an die Bibel ist die Erfüllung dieser Hoffnung. Ich habe mit meinen Studenten und mit den Leitern der Vereinigungskirche in Erfahrung gebracht, dass eine Einheit möglich ist. Ein Ziel, das die "Vereinigungsannäherung" anstrebt, ist es, die Möglichkeit zuschaffen, die zwei Interpretationsrichtungen der Bibel, die sich seit der protestantischen Reformation herausgebildet haben und bis jetzt noch nicht zusammengekommen sind, in der Vereinigungstheologie zu harmonisieren.

Mindestens fünf größere Faktoren bieten die Basis der neuen Dimension, von der die Vereinigungskritik ausgeht. Es sind erstens ihre Gegenwartsbezogenheit, zweitens ihre Sicht der Geschichte, drittens ihr Gebrauch der Schrift, viertens ihre Christologie und fünftens ihre eschatologische Perspektive.

Gegenwartsbezogenheit

An erster Stelle ist die Vereinigungstheologie mit ihrer Annäherung an die Bibel zeitbezogen. Sie erscheint im richtigen Moment der Geschichte der Bibelwissenschaften mit einem so verzweifelt benötigten neuen Ansatz für die Interpretation der Schrift. Sie ist auch zeitbezogen darin, dass sie in einzigartiger Weise in der modernen Welt als eine Antwort auf die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft auftritt. Ich möchte sieben Gebiete aufzählen, die demonstrieren, wie gegenwartsbezogen die Bibeldeutung der Vereinigungstheologie ist.

Religiöses Leben

Das erste ist das religiöse Leben selbst, das immer Verbindungen knüpft zwischen Offenbarung und Erfahrung, Inspiration und Anstrengung, zwischen Individuum und Gemeinschaft, Meditation und Aktion, Frömmigkeit und Politik. Dies sollte eigentlich bei allen Annäherungen an die Bibel geschehen. Genau das verwirklichen die Mitglieder der Vereinigungskirche durch ihr Leben und ihr Studium des Wortes Gottes.

Wissenschaft und Religion

Das zweite ist, dass man sich der Einheit zwischen Wissenschaft und Religion bewusst ist. Das heißt, dass es an sich schon religiöse Erfahrung bedeutet, wenn man mit Wertschätzung die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen in jedem Bereich des Lebens annimmt, sie dazu benutzt, dem Leben Sinn zu geben und den menschlichen Bedürfnissen hinsichtlich wissenschaftlicher Einsicht gerecht wird.

Weltreligionen

Das dritte ist, dass man sich mit dem Verständnis zwischen Weltreligionen und Christentum befasst; das bedeutet, alle Religionen der Welt nicht als Konkurrenten zu sehen, sondern als mitwirkende Komponenten bei der Suche des Menschen nach Sinn und Wahrheit. Das heißt ferner, dass man das Christentum in seiner Beziehung zu den anderen Religionen nicht als exklusiv, sondern als inklusiv ansieht. Dies ist in der Bibelwissenschaft von besonderer Bedeutung, wenn man die Beziehung zwischen Christenheit und Juden anschaut; wie auch in der Evangelisation, wenn man die Beziehung zwischen den Christen und den Anhängern aller anderen Religionen dieser Welt betrachtet. Wenn Mitglieder der Vereinigungskirche die Schrift studieren, suchen sie nicht nach Mauern, sondern nach Brücken. Wenn sie zum Beispiel das alte Testament studieren, versuchen sie zuerst zu verstehen, was das Alte Testament den Juden in der Vergangenheit bedeutet hat, und was es ihnen jetzt in der Gegenwart bedeutet. Indem sie zu begreifen suchen, was die Bibel für einen Juden beinhaltet, lernen sie ihre eigene Botschaft einem Juden näher zubringen.

Einheit der Kirchen

Das vierte ist die Beziehung zwischen der Vereinigungskirche und den Kirchen; d. h. die Mitglieder der Vereinigungskirche suchen die Basis für Einheit zwischen den vier Hauptzweigen der christlichen Kirchen zu entdecken: den östlich Orthodoxen, den Römisch Katholischen, den protestantischen Kirchen und der anglikanischen Kirche. Die Vereinigungstheologie ermutigt den Bibelstudierenden, in den Schriften mehr nach der Kraft als nach dem Modell Kirche zu suchen; denn die Mitglieder der Vereinigungskirche wissen genauso wie die Christen des Neuen Testamentes, dass die Christenheit in erster Linie nicht eine Institution, sondern eine Kraft ist.

Die Beziehung zwischen Mann und Frau

Das fünfte Gebiet, mit dem sich die Vereinigungskirche bei ihrer Interpretation der Bibel befasst, ist die Beziehung zwischen Mann und Frau. Die Geschlechter werden so zueinander in Beziehung gesehen, dass die "Ganzheit" eines jeden Geschlechts gesichert ist. Die Mitglieder der Vereinigungskirche schauen auf die Ideale, die in der Schrift für zwischengeschlechtliche Beziehungen aufgestellt sind und versuchen sie zu Vorbildern für das Leben zu machen, statt die biblischen Aufzeichnungen aller sündigen und bösen Erfahrungen zwischen den Geschlechtern zu Leitlinien für die Beziehungen zwischen Mann und Frau zu machen.

Beispielsweise findet man das Ideal in Genesis 1; ein Erfahrungsmuster wird in Genesis 3 gefunden. Die Vereinigungskirche nimmt also das Ideal der Schöpfung, wie es in Genesis 1 aufgestellt ist, als Muster für die Beziehung zwischen Mann und Frau und nicht die Geschichte vom Fall.

Wir wissen aus der Geschichte des Judaismus, genauso wie aus der Geschichte der christlichen Kirche, dass das Muster für die Beziehung zwischen Mann und Frau eher aus Genesis 3, der Geschichte des Falls, gewonnen wird, denn aus dem in Genesis 1 aufgestellten Ideal der Schöpfung, nach dem Mann und Frau zum Bilde Gottes geschaffen wurden und sich beide die Erde untertan machen sollten, um zusammen ihre Fähigkeiten in jedem gesellschaftlichen Bereich auszudrücken.

Das Rassenproblem

Das sechste Gebiet, mit dem sich Mitglieder der Vereinigungskirche bei ihren Bibelstudien beschäftigen, ist die Beziehung zwischen den Rassen- nämlich um aufzuzeigen, wie jedes menschliche Wesen ein Kind Gottes ist. Sie treten jedem individuellen menschlichen Wesen als Objekt der rettenden Kraft Gottes gegenüber, d. h., mit einer Erlösungserwartung, aber auch als gleichermaßen qualifiziert, Gottes Willen zu verstehen und Gottes Arbeit hier auf Erden zu tun. Die gleichwertige Achtung vor den Denkmustern und Lebensformen von Orientalen und Okzidentalen macht es möglich, eine Brücke zwischen diesen geographisch und geistig traditionell gegensätzlichen Welten zu bauen.

Offenheit und die Annahme aller nationalen, rassischen und ethnischen Gruppen helfen, Ergebnisse für die Bibelwissenschaft hervorzubringen, die sich wirklich auf alle Arten von Menschen beziehen. Die Mitglieder der Vereinigungskirche versuchen, eine Erklärung von Jesus zu geben, die bedeutungsvoll ist für Inder und Afrikaner, Chinesen und Indianer, Japaner und Koreaner, Deutsche und Franzosen, Skandinavier und Engländer, Russen und Amerikaner.

Politik und Soziologie

Das siebente ist die Politik und die Soziologie, wobei Vereinigungskirchler die Bedeutung beider Lebensbereiche zu erfassen suchen, ihre Relevanz für die Religion sehen und sie zueinander wechselseitig in Beziehung setzen. Die Vereinigungstheologie besteht darauf, dass Religion für die politische und soziale Situation und die heutigen Probleme relevant ist. Daraus ergibt sich, dass der Brennpunkt ihrer Aufmerksamkeit auf den führen den Feind der Religion in der Welt, den Kommunismus, gerichtet ist, und dass sie danach streben, eine logische Grundlage aufzubauen und zuliefern, die ihn wirkungsvoll bekämpfen und schließlich überwinden kann.

Gleichzeitig besteht die Vereinigungskirche darauf dass positive soziale Muster und Programme einen politischen Idealismus begleiten müssen. Die Erlösten und Getrösteten sind nicht nur von antagonistisch geistigen Kräften befreit, sondern auch von politischen und sozialen Systemen, die ihrem Glauben widersprechen. Dies sind einige der Eigenschaften, denen die Vereinigungstheologie ihre Einzigartigkeit und Aktualität verdankt.

Sicht der Geschichte

Zu den besonderen und herausfordernden Aspekten der Vereinigungstheologie zählt ihre Sicht der Geschichte. Man kann sie als eine auf einer Reihe von Parallelen strukturierte Geschichte beschreiben. Perioden der vorchristlichen Geschichte werden zum Beispiel mit Perioden der nachchristlichen Geschichte verglichen; zugleich bewegt sich die Geschichte auf ein bestimmtes Ziel hin, das nicht ein festgelegter Zeitpunkt ist, sondern ein letzter Zweck der Geschichte, der durch die Beziehung, die der Mensch mit Gott unterhält, bestimmt wird.

Das Omega verbindet sich schließlich mit dem Alpha. Die Vereinigungstheologie bringt die aus der Tradition her in Konflikt stehende griechisch zyklische Sicht der Geschichte mit der jüdisch linearen Sicht zusammen. Zur gleichen Zeit dienen das hegelsche These-Antithese-Synthese-Prinzip und das darwinische Evolutionsprinzip eher dazu - auch wenn sie auf soziale Prozesse angewandt werden - die biblischen Themen und Konzepte zu erhellen, statt mit ihnen in Widerspruch zu treten.

So nimmt die Vereinigungstheologie einige Hauptmuster historischen Denkens sowohl aus der vorwissenschaftlichen als auch der wissenschaftlichen Welt. In der Vereinigungstheologie wird Geschichte als das vereinigte Kontinuum gesehen, an dem alle Prozesse des Universums in Rhythmus und Ordnung teilhaben, in dem sie einander durch Vielfalt und Wechselspiel anregen und sich von einer ursprünglichen Vollkommenheit zu einem letzten Ideal hinbewegen.

Gebrauch der Schrift

Eines der größeren Probleme in der Geschichte der Bibelinterpretation ist der Konflikt, der zwischen Religion und Wissenschaft entstanden ist, insoweit es das Verständnis der Bibel betrifft. Wenn eine wissenschaftliche Methodologie an die Bibelforschung angelegt wird, kann man sagen, dass vieles aus der Bibel unhistorisch sei, dass ein stark legendäres oder mythisches Element im Wort Gottes gefunden werden kann. In der Vereinigungstheologie verschmelzen jedoch der symbolische und der buchstäbliche Charakter, d. h., das mythische und das historische Element in eine einzige Einheit. jede Erzählung in der Bibel kann jederzeit so verstanden werden, dass sie einen buchstäblichen und einen symbolischen Charakter hat.

Jede Idee und jeder Vorfall ist Teil eines universalen Prozesses in einem vereinigten Feld, in dem sogar Anfang und Ende, Ursprung und Ziel, Ideal und Endpunkt dasselbe sind. Daher können alle Erzählformen in der Schrift, d. h., Erzählung, Poesie und Mythos (sogar wenn sie sich aus wissenschaftlicher Sicht als Legende erweisen) auch erhellend, inspirierend und authentisch sein.

Die Vereinigungstheologie weigert sich innerhalb des traditionellen Schemas, welches das Trennungsdilemma der Christenheit fördert, Partei zu ergreifen. Es handelt sich um den Streit: Ist die Bibel das Wort Gottes oder beinhaltet die Bibel das Wort Gottes? Die Vereinigungskirche weigert sich mit Recht, diese Frage, wenn sie so gestellt wird, zu beantworten. Die Vereinigungstheologie schlägt vor, dass man die Bibel nicht mit dem Wort Gottes gleichsetzen kann, da die Bibel selbst das Wort Gottes nur beschreibt; dennoch aber etwas anderes sei, als ein geschriebenes Dokument oder eine Sammlung von Dokumenten.

Für die Vereinigungstheologie ist die Bibel der höchste literarische Ausdruck des Wortes Gottes. Das Wort ist eines der Prinzipien des Universums, das sich selbst in vielen Formen, - das alte und Neue Testament eingeschlossen - ausgedruckt hat und das auch von anderen Religionen wahrgenommen, interpretiert und in ihrer Literatur ausgedruckt wurde und schließlich in dem, was die außer-kanonische, judäo-christliche Literatur genannt wird, manifestiert wurde.

Das Alte und Neue Testament liefern jedoch wegen der von der Geschichte diktierten Beschreibungen eine Norm für die Interpretationen aller anderen religiösen literarischen Traditionen. So wird in der Vereinigungstheologie den Schriften aller Religionen hohe Beachtung geschenkt und gleichzeitig dem autoritativen Wert des Alten und Neuen Testamentes die höchste und größte Wertschätzung entgegengebracht.

Im Alten und Neuen Testament werden die Souveränität Gottes, die Vorsehung Gottes, die Natur und die Bestimmung des Menschen, Gericht und Wiederherstellung am deutlichsten gesehen.

Im judäo-christlichen Schrifttum ist das Drehbuch für das Drama der Erlösung vorgegeben. Obwohl in der Vereinigungstheologie der ewige und endgültige Wert der Bibel gesehen wird, wird sie doch niemals zum Objekt der Abgötterei. Die Christen werden insofern gewarnt, sich nicht in dergleichen Weise mit der Bibel zu beschäftigen, wie die Juden mit der Thora. Wir müssen uns davor hüten, die Bibel für uns das werden zu lassen, was die Schrift für das Volk zur Zeit Jesu geworden war, nämlich eine starre Überlieferung, die auf Experten der Interpretation angewiesen war. Wir können nicht zulassen, dass die Bibel uns nur in Händen von Experten das erzählt, was sie bedeutet. jeder muss in der Lage sein, direkt von der Schrift aus zu einer Erfahrung der Erlösung zu kommen.

Die Vereinigungstheologie fordert sodann, dass das Alte und Neue Testament in dem Lichte der Geschehnisse der frühen christlichen Kirchengeschichte verstanden wird. Aus der Geschichte des biblischen Kanons, währenddessen die Bücher der Bibel für autoritativ erklärt wurden, fordert sie die Christen auf, sich mit der Tatsache auseinander zu setzen, dass die Bibel, wie wir sie kennen, ein Produkt der Erfahrung von nahezu vier Jahrhunderten der frühen christlichen Gemeinde ist.

Mehr als 300 Jahre lang wurden folglich Menschen zu Christen, ohne jede Kenntnis oder den Gebrauch irgendeines der Evangelien. Wir müssen uns klar darüber sein, dass nicht jedes Buch oder jeder Teil der Bibel dazu notwendig ist, um jemanden zum Christen zu machen. Ähnliche Fragen werden aufgeworfen, was den Text angeht. Von der Textkritik her erfahren wir etwas über die Vielfalt der Texte in der antiken Kirche. Es gab verschiedene Lesarten von sehrbedeutenden Teilen der Bibel. Unsere Bibel ist eine Zusammenstellung von Texten, die gegenüber älteren Texten für überlegen gehalten wurden, die verschiedene oder sogar unterschiedlich Berichte der alten Zeugnisse darstellen.

Obwohl wir wissen, dass unser Glaube zu einem großen Teil von der Bibel abhängt, wird er nicht notwendigerweise von dem, was wir über irgendein Buch oder irgendeinen Teil der Bibel denken mögen, geformt werden oder gar einschrumpfen.

In der Vereinigungstheologie treten Herz und Geist mit Glaube und Liebe an die Schrift heran.

Das ist möglich, weil der Glaube nicht ausschließlich von der Schrift abhängt. Er ist hauptsächlich von einer persönlichen Beziehung zu Gott in Jesus Christus abhängig. Die Vereinigungstheologie nimmt voll Dankbarkeit all die Beiträge auf, die Gelehrte zum Verständnis der Bibel geliefert haben. Sie ist besonders dankbar für die Ergebnisse, die von den zwei verschiedenen Interpretationsarten erzielt wurden. Die Vereinigungstheologie schlägt nun vor, dass diese beiden Vorgehensweisen eine Basis zur Vereinigung finden; d. h., die traditionelle "supranaturalistische" und die moderne naturalistische Annäherung. Da die Vereinigungstheologie beide Vorgehensweisen gebraucht, sind sie schon zusammengeführt.

Wir sollten auch die Trends innerhalb der Bibelwissenschaft in Rechnung stellen. Einer der Gelehrten für das Alte Testament, Gerhardt Hasel, sagte erst 1972, dass die zentrale Aussage der ganzen Bibel das Reich Gottes sei.

Die Vereinigungstheologie geht ebenso davon aus, dass die zentrale Botschaft der Bibel das Reich Gottes ist. Hasel betont auch die Wichtigkeit der Wiederbelebung eines älteren Typs der Methodologie, in der man die Testamente zueinander in Beziehung setzt, und zwar den Gebrauch der Typologie: Die Typologie, die Eichrodt und von Radt, zwei europäische Gelehrte, anwenden, ist die Beziehung für eine besondere Beobachtungsweise der Geschichte in der man Typen, Wesen, Personen, Einrichtungen und Ereignisse des Alten Testamentes als göttlich etablierte Modelle oder erste Vorstellungen von entsprechenden Realitäten in der Erlösungsgeschichte des Neuen Testamentes sieht. Sie ist genau eine der hauptsächlichen Interpretationsweisen, die in der Vereinigungstheologie angewandt werden. Die Vereinigungstheologie stellt das Reich Gottes und Gottes schöpferische und erlösende Kraft als den Teil eines vereinigten Planes dar und betrachtet die Typologie als eine der Hauptleitlinien der Interpretation der Bibel wie auch der nachfolgenden Geschichte.

Die Vereinigunstheologie erkennt alle Methodologien als wertvolle Beiträge zum Verständnis der Bibel an. Sie ruft dazu auf, sich mit der Gesamtheit der schriftlichen Aufzeichnungen und der Bibelwissenschaft auseinander zu setzen. Sie ermutigt die Bibelkritik zu analysieren, zu examinieren und rigoros zu prüfen, besonders den Geist zu prüfen, um zu sehen, ob er von Gott kommt, und auch die Methodologien und Hypothesen daraufhin zu untersuchen, ob sie in der Realität wurzeln und den Gottesglauben reflektieren und erzeugen.

Bei dem kürzlich stattgefundenen Treffen der amerikanischen Akademie für Religion und der Gesellschaft für biblische Literatur in St. Louis im Oktober 1976, hat Bernhard Anderson vom Theologischen Seminar in Princeton (einer der großen Gelehrten für das Alte Testament und der Autor von "Understanding the Old Testament") eine Rede gehalten, in der er nach einem synthetisierenden Ansatz für die Bibelwissenschaft rief, um gemeinsam das Wort Gottes in einer konstruktiven und kraftvollen Weise in die Welt und in die Gesellschaft, in der wir leben, zu bringen.

Christologie

Ich möchte noch einen anderen Punkt herausarbeiten. Die Vereinigungskirche betont die Menschlichkeit Jesu. Die Vereinigungstheologie sagt, dass Jesus ein Mensch war, wie der Apostel Paulus sagte, dass er ein Mensch war. Er wurde von einer Frau geboren. Gleichzeitig bekennt die Vereinigungskirche, dass Jesus der Sohn Gottes ist.

Wenn sie seine Menschlichkeit betont, behauptet sie damit auch, dass er zweifellos einen menschlichen Vater hatte, und dass seine Auferstehung nicht das war, was wir eine physische Auferstehung nennen, sondern eine geistige Auferstehung. Das basiert auf der Interpretation vom 1. Kor. 15, dem großen Kapitel der Auferstehung, in dem, entsprechend ihrer Interpretation (die man ernsthaft in Betracht ziehen muss), darauf bestanden wird, dass die Auferstehung, über die der Apostel Paulus spricht, was Jesus betrifft wie auch die, die an ihn glauben, eine geistige Auferstehung ist. Soweit ich es verstehe, liegt alles, was die Vereinigungskirche über Christologie sagt, allen modernen Trends der ernsthaften Bibelwissenschaft sehr nahe.

Ich kann eine Anzahl der fahrenden Theologen der Welt oder dieses Landes nennen, die an Jesus Christus in genau derselben Weise glauben, wie die Mitglieder der Vereinigungskirche. Ich würde sagen, dass ungeachtet dessen, was an Negativem über die Christologie der Vereinigungskirche gesagt wird, Jesus Christus von ihnen auf einer hohen Ebene gesehen wird, und dass er mehr in ihren Gedanken und in ihrem Geist ist, als bei vielen Christen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, die bekennen, Trinitarier zu sein und die die traditionellen Formulierungen über die Person und die Kraft von Jesus Christus bekräftigen.

Ohne Zweifel hat die Christologie der Vereinigungskirche, auch wenn sie anders als in der traditionellen Christenheit gestaltet ist, (d. h. traditionell, wie wir die Geschichte des Christentums verstehen) eine hohe Achtung vor Jesus, und sie bringt sie in eine sehr enge Gemeinschaft mit Jesus wie auch dahin, was der Apostel Paulus "mit Christus leben" nennt.

Eine der Aussagen, für die die Vereinigungskirche kritisiert wird, ist ihre Sicht der Mission Jesu Christi. Es wird zitiert, dass sie behauptet, Jesus sei in seiner Mission gescheitert. In der neueren Wissenschaft findet man von einigen der hervorragendsten britischen und deutschen Gelehrten in den letzten 25-30 Jahren substantiell dieselbe Aussage. Sie erklären, dass Jesus scheiterte, die Mission zu erfüllen, die er in seiner eigenen Lebensspanne zu erfüllen beabsichtigt hatte. Viele ernsthafte Bibelkritiker machen diese Aussage. Albert Schweitzer ist einer von ihnen. Die Vereinigungskirche sagt, dass es die Mission Jesu Christi war, das Reich Gottes auf Erden während seines eigenen Lebens zu errichten; Sie wissen, dies ist nicht geschehen. Für die Vereinigungstheologie ist dies in keiner Weise eine Kritik an Jesus und Oberhaupt kein Hinweis auf Fehlbarkeit. Während seiner Zeit hatte Jesus keinen Erfolg in der Mission, das Reich Gottes auf Erden zu errichten, weil er gerade von denen abgelehnt wurde, die er aufrief, ihm zu folgen.

Das Reich Gottes wird in seiner Kraft und seinem Glanz kommen. Das Reich Gottes wird auf diese Erde kommen, in der Weise, wie die Menschen Jesus erwidern und wie Menschen dem Ruf Gottes in Jesus gehorchen.

Die Vereinigungskirche sagt, dass wir die Arbeit Jesu Christi weiterfahren müssen, um das Reich Gottes auf Erden zu errichten. Dies ist ein Ausdruck sehr hoher Achtung vor der Arbeit und Mission Christi.

Im Juni 1976 sagte Rev. Moon in einer Rede vor der Fakultät des Seminars, in dem ich Mitglied bin, dass man ihn oft gefragt habe, "Was tut Rev. Moon, oder zu was will er die Menschen führen?" und Rev. Moons Antwort war, dass er versuche, die Menschen dazu zu bringen, nach dem Vorbild Jesu Christi zu leben.

Eschatologie

Die letzte Sache, mit der wie ich glaube die Vereinigungskirche sich in sehr bedeutsamer Weise befasst, ist die Eschatologie.

Obwohl Jesus offensichtlich in seiner Mission scheiterte, das Reich Gottes auf Erden in Palästina in der Zeit, die für uns das erste Jahrhundert ist, zu errichten, ist es nicht richtig, zu behaupten, dass Jesus sich bei der Verkündigung der Errichtung des Reiches geirrt hätte. Der Wille Gottes begann in dieser Zeit manifestiert zu werden. Das Scheitern, das durch die Ablehnung der Menschen verursacht war, bewirkte eine Änderung des Zeitplanes. In den letzten Jahren war die Eschatologie in den Händen der Fundamentalisten. Nur sie verkündeten mit Sicherheit und Regelmäßigkeit die Botschaft von der Wiederkunft Christi. Sie bauten ihre Botschaft auf einer buchstäblichen Interpretation biblischer Aussagen auf.

In jüngeren Bibelstudien in Europa, und besonders in Deutschland, wird vorausgesagt, dass in den 70erjahren das Hauptaugenmerk auf der Eschatologie liegen werde, mit spezifischer Bezugnahme auf die apokalyptische Literatur. Die Botschaft der Apokalyptik ist die Botschaft eines großen Teiles des Buches Daniel, des Buches der Offenbarung, dem 13. Kapitel von Markus und einem recht großen Teil von Matthäus.

Eines der wichtigsten Kennzeichen der apokalyptischen Literatur ist, dass sie nicht buchstäblich interpretiert werden darf. Das ist die Forderung der kritischen Bibelwissenschaft, die von der Vereinigungskirche akzeptiert wird. Wenn Jesus vom Menschensohn, der auf den Wolken kommen wird, spricht, muss das als ein Konzept jüdisch-apokalyptischer Literatur erkannt werden und daher eher symbolisch als buchstäblich verstanden werden. jedoch muss die Botschaft der apokalyptischen Literatur auch ernst genommen werden.

Die apokalyptische Botschaft sagt mit Überzeugung, dass Gott Sein Volk retten und wiederherstellen wird und Sein Reich errichten wird. Die gleiche Botschaft verkündet die Vereinigungskirche.

In der Geschichte des Christentums kann es ohne die Lehre von den letzten Dingen, die Lehre von der Zukunft, keine starke oder dynamische Christenheit geben. Gerade dies gibt uns und der ganzen Menschheit Hoffnung.

 

04.08.2003